Musikbibliothek

Musikbibliothek
Musik ist das halbe Leben...

Als im Jahre 1962 in der Stadtbibliothek Plauen eine "Abteilung Musik" eröffnet wurde, war das ein Ereignis, dessen Gewicht und Bedeutung für die weitere Entwicklung der Öffentlichen Bibliothek als kulturelle Bildungseinrichtung Plauens nur sehr vage vorausgeahnt werden konnte. Die Ausgangssituation war bescheiden - sowohl im Hinblick auf die räumlichen Verhältnisse wie auch auf die vorhandene Substanz. Alles; was das war, war ein Altbestand von ca. 600 Musikschriften und Musikalien, der aus Schenkungen der Plauener Bürgerschaft und ein Nachlaß des "Plauener Tonkünstlervereins" stammte und zugleich das Fundament für die weitere Entwicklung der Abteilung Musik in der Plauener Stadtbibliothek bildet. Zu den Raritäten des Altbestandes zählen u.a. das "Hochzeitslied" des Komponisten Cornelius Freund aus dem Jahre 1536 und das handschriftlich abgefaßte Buch "Die Familie Hilf" des namhaften vogtländischen Geigers Christoph Wolfgang Hilf (1818-1912).

Kontinuierlich wuchs dann im Laufe der Jahre der Bestand der Abteilung. Es wurde weitere Musikliteratur angeschafft, und es begann der Aufbau von Schallplattenbeständen aller Musikgenres.

1965 war es dann soweit, daß die ersten Langspielplatten kostenlos entliehen werden konnten. Die Ausgabe erfolgte zunächst in "gebundener Ausleihe", d.h. der Benutzer konnte sich am Katalog die Schallplatten aussuchen und erhielt sie dann vom Diensthabenden Musikbibliothekar. Zirka 600 Langspielplatten standen zur Verfügung. Bis Dezember 1965 wurden 480 Entleihungen statistisch erfaßt.

1976 erfolgte die Umstellung des gesamten Schallplattenbestandes auf das System der Freihandausleihe. Handlungsgrundlage für den Musikbibliothekar  war die vom "Zentralinstitut für Bibliothekswesen" erarbeitete und für Öffentliche Bibliotheken verbindliche "Klassifikation für Tonträger Musik" (KAB/TM). Der Benutzer konnte sich nun selber am Regal die begehrten "schwarzen Scheiben" aus der Fülle des Bestandes auswählen und sich mit Hilfe mehrerer Kataloge, die den Bestand systematisch und alphabetisch widerspiegelten, einen Überblick verschaffen. Die Folge: Die Entleihungszahlen stiegen sprunghaft an.

Entleihungen 1975 1976
Schallplatten 17.800 23.400

 

 

Von Anfang an wurde auf ein ausgewogenes Verhältnis von E- und U- Musik sowie von Tonträgern mit literarischen und wissenschaftlichen Inhalten Wert gelegt. Schwerer ersetzbare und historisch wertvolle Aufnahmen (Schellackplatten) sowie Schallplatten für Musikveranstaltungen kamen in den "Präsensbestand", einen Sonderbestand, aus dem in der Regel nichts entliehen werden durfte.

1995 - Die nach dem 2. Bau-
abschnitt fertiggestellten Räume erlauben eine übersichtliche und attraktive Aufstellung der Bestände.

Hand in Hand mit der Gesamtentwicklung veränderte sich natürlich auch das Strukturbild der Benutzer der Musikbibliothek - ein Vorgang, dem unbedingt Rechnung getragen werden mußte. Es nutzten zunehmend mehr Jugendliche (zeitweilig bis zu 70%) das Angebot der Musikbibliothek. Allerdings trat in diesem Zusammenhang zugleich auch eine Verschiebung innerhalb des Gesamtbestands zugunsten der Tonträger (speziell bei Rock- und Popmusik) und zu lasten der Musikliteratur ein, so daß es für den Musikbibliothekar zum ernsten Problem wurde, das schmale Handelsangebot der DDR mit den Interessen der jungen Benutzerin Einklang zu bringen. Etwas Abhilfe konnte mit der sogenannten Staffelung erreicht werden, d.h. für besonders gefragte Titel wurden mehrere Exemplare angeschafft und bereitgestellt.

Mitte der achtziger Jahre schien im Rahmen der gesamten Entwicklung ein Höhepunkt erreicht zu sein, denn es trat eine spürbare Flaute ein. Sie hatte zwei Ursachen: Zum einen war der Großteil der Plauener Musikinteressenten von der Bibliothek, die 4 Zweigbibliotheken inbegriffen, erfaßt, zum anderen fehlte der Anreiz von jenen verlockenden Tonträgern und jener aktuellen Musikliteratur, die es im Handelsangebot der DDR nicht gab. Leider änderte sich an dieser mißlichen Situation bis zur "Wende" 1989/90 kaum etwas.

Der unerwartete Zusammenbruch des Oststaates Ende 1989 führte nahezu automatisch auch in der "Abteilung Musik" der Stadtbibliothek Plauen zu einem grundsätzlichen Wandel der Lage und der Situation. Was ohne langes Zögern selbstverständlich zuerst in Angriff genommen werden mußte, war die kritische Sichtung des gesamten Bestands, wobei es eine gedankenlose und leichtfertige "Bilderstürmerei" unbedingt zu vermeiden galt. Sichergestellt ins Archiv wurde aus objektiven Gründen all jenes Material aus DDR-Zeiten, dem eine historische Bedeutung zukam, das also Anspruch auf eine spätere Auswertung und Begutachtung erheben konnte. Im Gegenzug war es jetzt endlich aber auch möglich, verbotene Aufnahmen diskreditierter Künstler für die Ausleihe wieder freizugeben.

Die Musikbibliothek wird von den verschiedensten Benutzergruppen rege in Anspruch genommen

Aber nicht nur die Substanz, auch der gesamte Bestandsaufbau der Musikbibliothek erfuhr nach der "Wende" von 1989/90 einen Wandel. Gab es vor 1989 zwar keine gravierenden Geldsorgen bei Anschaffungen, weil das begrenzte Handelsangebot der DDR einen bedrückenden Kaufmangel gar nicht aufkommen ließ, so mußte sich jetzt auf die total veränderte Musiksituation ein- und umgestellt werden. Das reiche Angebot überstieg nun bei weitem die vorhandenen Mittel. Immerhin konnte, mit dem neuen, wenn auch gekürzten Etat, den die Stadtverwaltung und der Kulturraum jährlich zur Verfügung stellte, der Bestand an Musikliteratur, Musikalien und Tonträger ergänzt und erweitert werden.

Der beklagenswerte Benutzerschwund´, der sich unmittelbar nach der "Wende" eingestellt hatte, war nur eine vorübergehende Erscheinung - in Folge der sich überschlagenden Tagesereignisse, des hereinbrechenden Kaufangebotes und der unattraktiven Bestände. Bis Ende 1992 hatte sich die Lage wieder normalisiert.

Entleihungen 1990 1992
22.100 45.100

 

1992 bewilligte der Freistaat Sachsen für kulturelle Zwecke einmalige Sondermittel, u.a. auch für Bibliotheken, wonach es möglich wurde, den Bestand an Musikliteratur, Musikalien und Tonträgern zu erweitern, zu aktualisieren und zugkräftiger zu gestalten. Das Angebot wurde reichhaltiger, und es konnten etliche vielgefragte Nachschlagewerke aus dem Bereich der Rock- und Popmusik, Biographien von Komponisten und Interpreten sowie aktuelle Songbücher in den Bestand aufgenommen werden.

Nach der "Wende" wurde nun auch für die Bibliothek das vielgerühmte Medium Compact Disc zugänglich und zeigte erstaunliche Wirkung: Unerwartet rasch nämlich löste die CD die Schallplatten ab und stellte die Musikbibliothekare vor eine ganz neue Situation: ein Großteil des ansehnlichen Schallplattenbestandes (u.a. mit einem gediegenen Angebot von E-Musik) war plötzlich nicht mehr gefragt. Zuerst wurde jetzt aktuelle Rock- und Popmusik angeschafft, dann wurde versucht auch bei der klassischen Musik bis hin zur Moderne die Bestandslücken einigermaßen aufzufüllen. Die Anschaffung von CDs beanspruchte von da an auch weiterhin den größten Teil der Mittel (bis zu 80%). Inzwischen beträgt der bestand 3500 CDs.

Mit der Sanierung der "Vogtlandbibliothek" im Jahre 1996 veränderte sich erneut und deutlich spürbar die Lage. Mit viel Mühe und beträchtlichem Aufwand wurde in 3 Jahren - bei laufendem Betrieb - die Musikbibliothek gründlich umgestaltet. Die Abteilung Musik zog in größere, hellere und freundliche Räume um und wurde mit neuen und zweckmäßigeren Möbeln sowie mit moderner Tontechnik ausgestattet. Langgehegte Wünsche gingen damit in Erfüllung.

Weil zur Zeit eine ausreichende Bereitstellung von Haushaltmitteln für die Vogtlandbibliothek Plauen von der sehr angestrengten allgemeinen ökonomischen Lage und Entwicklung abhängt, ist Sparen und immer wieder Sparen angesagt. Für die Bibliothek bedeutet das: nicht unerhebliche Kürzung des Etats. Die Auswirkungen bekommt auch die Abteilung Musik zu spüren: Es stehen merklich weniger Mittel für Neuanschaffungen zur Verfügung.

Entleihungen 1990 1997
22.100 53.000

 

Überblickt man die auf diesen wenigen Seiten dargestellte Rückschau auf die Entwicklung der Abteilung Musik seit 1992, so wird im ganzen die tröstliche Erkenntnis deutlich, daß sich trotz aller "Bewegtheit" und der sich immer wieder verändernden Situationen und Aufgabenstellungen ein erfreulicher Trend zum Besseren hin eingestellt hat. Selbst die zuletzt notwendig gewordene Einführung einer Jahresgebühr für die Benutzer hat sich kaum nachteilig ausgewirkt.

Was bleibt? Es bleibt auch weiterhin das über Jahrhunderte hinweg gültige und niemals wankende Vertrauen in die Macht und Größe der Musik - laut Schopenhauer "die ewige Melodie, zu der die Welt der Text ist".

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