Kapitel 8

Kapitel 8
Die Bibliothek im Informationszeitalter

Als es 1989 zur Wende und zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten kam, entstanden für die Bibliothek nicht nur neue Probleme, sondern es boten sich auch große Chancen. Das Bibliothekswesen der BRD und DDR hatte sich über die Jahre hinweg trotz vieler einheitlicher formaler Regelungen auseinanderentwickelt. Die Büchereien der sogenannten neuen Länder mussten sich nun in ihrer primären Zielsetzung von der staatlich gelenkten Kulturpolitik und Literaturpropaganda der DDR trennen und sich auf die Leserwünsche umorientieren und schnellstmöglich den Anschluss an die sich rasch entwickelnde Informationsgesellschaft suchen. Den rechtzeitigen Mahnungen zur Besonnenheit bei der Aussonderung von Medien, welche Zentralinstitut für Bibliothekswesen gab, und der soliden Berufsauffassung vieler Bibliothekare ist es zu verdanken, dass viele damalige Bestände vor der Bilderstürmerei bewahrt wurden.190 Der anschließende Bestandsaufbau konnte sich durch die sofort nach der Währungsunion fließenden Fördermittel, sowie den Zugang zu neuen Informations- und Einkaufsmöglichkeiten ganz an den neuen Nutzerbedürfnissen ausrichten. Vor der Bibliothek bildeten sich nun mitunter Warteschlangen, aber auch sie konnten auf Dauer das Ausbleiben traditioneller Nutzerschichten, wie auch das Fernbleiben ganzer Kollektive, nicht ausgleichen und mit der Zeit verlagerte sich das Schwergewicht der Ausleihe immer mehr in die Hauptbibliothek. 1993 änderte man den Namen der Plauener Stadtbibliothek in „Vogtlandbibliothek“ um. In diesem drückt sich nun auch die seit ihrer Gründung angestrebte Profilierung auf das Vogtland aus. Zudem ist es nicht nur so, dass die Regionalabteilung alle das Vogtland betreffende Publikationen sammelt, erschließt und bewahrt, sondern man kann auch mit Fug und Recht behaupten, dass die Medienbestände aller Abteilungen der Bibliothek von Nutzern aus der gesamten Region in Anspruch genommen werden.

Die Umorientierung der Bibliothek auf die neuen Nutzerbedürfnisse brachte in ihrer Folge auch eine Veränderung der Abteilungsstruktur mit sich. So löste man die Konsultationsstelle für Literaturpropaganda, die Informationsstelle und die Artothek auf und gab deren Bestände an die Wissenschaftliche Abteilung, an die Freihandabteilung und den Lesesaal. Am 16. Februar 1993 konnte eine neue und viel gefragte Abteilung ihre Tür öffnen: die Videothek.

Unter der Leitung des 1993 berufenen Direktors Günther Reichel begann mit der Rekonstruktion der baulichen Hülle der Bibliothek eine fünf Jahre währende Periode der Um- und Neugestaltung, sowie der Stabilisierung der Vogtlandbibliothek.

1996 - Die Hüllen fielen und die Bibliothek erhielt ein neues Outfit

Eine der wichtigsten Maßnahmen zu jener Zeit war die Einführung von Technik des Informationszeitalters. So wurde 1993 der erste Computer mit CD-ROM Laufwerk in den Räumlichkeiten der Vogtlandbibliothek aufgestellt. Mit ihm konnten nunmehr bibliothekarische Informationsmittel, wie beispielsweise das Verzeichnis lieferbarer Bücher und die Nationalbibliografie für Fernleihe, Auskunft und Bestandsaufbau genutzt werden. Ein Jahr später begann man mit der Datenerfassung für das computergestützte Auskunfts- und Ausleihsystem Allegro-C. 1996 stellte die Videothek als erste Abteilung ihre komplette Ausleihe auf Computer um und wiederum ein Jahr darauf waren alle Computer innerhalb der Bibliothek vernetzt. Parallel zur Datenerfassung wurden in den folgenden Jahren nach und nach alle Abteilungen auf die computergestützte Ausleihe umgestellt und somit das Anfang der 60er Jahre eingeführte System der sogenannten buchungslosen Ausleihe abgelöst. Zwei Jahre vor der Jahrtausendwende konnte zudem der erste CD-ROM Arbeitsplatz für die Benutzer der Bibliothek aufgestellt werden.

Eine weitere gravierende Umorientierung musste die Bibliothek bezüglich ihrer Außenstellen, Außenmagazine und Personalstruktur erfahren. Angesichts der nunmehr modernen (kurzen) Verkehrswege und der knappen finanziellen Mittel erschien es sinnvoll, das Zweigstellennetz der Bibliothek zu minimieren. Hinzu kam, dass die Musikschule aus ihren Räumlichkeiten in der Neundorfer Str. 8 in ein neues Domizil zog. Es bot sich nunmehr die Möglichkeit an, die Vogtlandbibliothek auf das gesamte Haus auszudehnen. Dieses Vorhaben wurde durch einen Beschluss der Stadtverordnung der Stadt Plauen auch positiv bestätigt. So wurden nach und nach alle Zweigbibliotheken und Außenstellen aufgelöst und man konzentrierte den gesamten Bestand, auch denjenigen der Außenmagazine, in der Vogtlandbibliothek. Zeitgleich mit dieser Entwicklung erfolgte die Erschließung der lange brachgelegenen Zeitschriftenbestände. In der Zeitschriftenbibliografie, welche 1994 erstellt wurde, hatte man auch die Bestände des Plauener Stadtarchiv und des Vogtlandmuseums Plauen, sowie des Vogtlandtheaters mit aufgenommen.

Von 1998 bis 1997 wurden umfassende Umbauarbeiten am Haus an der Neundorfer Straße 8 durchgeführt. Ungeachtet dessen stand die Bibliothek ihren Nutzern in dieser Zeit bis auf wenige Tage stets zur Verfügung. Am 29. November 1997 konnten alle Abteilungen in neuen, hellen und schönen Räumen öffnen und zum 100. Jahrestag der Bibliothek, am 07. November 1998 waren die Bauarbeiten im Wesentlichen beendet.

1993-1998 - Die bauliche Rekonstruktion der Vogtlandbibliothek
unterbrach den laufenden Betrieb nur wenige Tage.
Dies wurde durch die Planung des Bauablaufes,
die große Flexibilität der Mitarbeiter und vieler Umräumaktionen möglich.

Nach einer Entwicklung von über 114 Jahren, in denen die Bücherei immerwährend von einem historischen Wechselspiel von Kontinuität und Diskontinuität spürbar bewegt worden war, stellt sich die Vogtlandbibliothek heute als eine sich ständig weiterentwickelnde, zugleich aber auch für Bewahrung sorgende Informationseinrichtung dar. Ihre Mitarbeiter sind unermüdlich bestrebt, den Nutzern bedarfsgerechte Leistungen auf den Gebieten Bildung und Erziehung, Information, Freizeit und Kultur anzubieten.

<< zurück Inhaltsverzeichnis vor   >>

-------------------------------------------------------------------------------------------

190 Vgl. Akten Vogtlandbibliothek, Brief vom 21.12.89

Artikelaktionen