Kapitel 7

Kapitel 7
1961 - 1989

1961 war ohne Zweifel ein sehr aufregendes Jahr für die DDR, hatte aber in gewisser Weise auch einen beruhigenden Charakter. Mit dem Bau der Mauer vollzog sich eine Isolierung des Staatsgebietes der Deutschen Demokratischen Republik und somit entstand eine völlig neue Situation. Die Beschränkung ermöglichte aus einem bestimmten Blickwinkel heraus gesehen eine gewisse Sicherung der Verhältnisse und viele Intellektuelle begrüßten zu jener Zeit sogar die Abriegelung. Ihrer Meinung nach konnte man sich nur so dem ungestörten Aufbau eines besseren Lebens für die Bevölkerung widmen.173

Die Entwicklung der Volksbibliothek in Plauen wird im Folgenden nur noch skizziert werden, da man eine genauere Beschreibung den Kapiteln entnehmen kann, die sich jeweils gezielt, einer Abteilung zuwenden.174 Im Jahr 1960 erhielt die Bücherei mit dem Bibliothekar Heinz Fügner einen neuen tatkräftigen Leiter.

Zu Beginn der 60er Jahre erfuhr vor allem die Kinderbibliothek einen besonderen Entwicklungsschub in Plauen.

1961 - Ausleihe und
Lesesaal in der
Kinderbibliothek

Dies ist insbesondere hervorzuheben, da eine 1954 vom Ministerium empfohlene Angliederung dieser an die Pionierhäuser in der Spitzenstadt nicht erfolgte. Die Kinderbibliothek entwickelte sich stattdessen im sachlichen und räumlichen Zusammenhang mit den anderen Abteilungen der Stadtbibliothek und wurde ab 1961 als Freihandbibliothek betrieben. Hinzu kam, dass man durch die Übernahme der Fachabteilung des Pädagogischen Kreiskabinetts Plauen, die pädagogischen Bestände der Bibliothek erweitern konnte und das in jeder Schule der Stadt eine von der Stadtbücherei betreute Schülerbibliothek existierte.

Erneute Veränderungen im Bibliothekswesen waren Mitte der 60er Jahre zu spüren. Es war die Zeit, in der neue audiovisuelle Medien die Anpassung der Büchereien erforderte. Zudem verlangte das Bildungsideal der DDR, dass den Wissenschaftlern, die vor Ort arbeiten, mehr Spezialliteratur zur Verfügung stehen muss und auch ein entsprechender Informationsbestand, der die sozialistische Bewusstseinsbildung der Bürger unterstützen sollte, durfte nicht fehlen. Neben dem Fachbuchbestand sollte die Bibliothek aber zunehmend auch wieder zur niveauvollen Unterhaltung und schöpferischen Freizeitgestaltung beitragen.175 Dieses modifizierte Konzept drückte sich nunmehr in dem neuen Namen „Stadtbibliothek“ aus.

In der Stadtbibliothek Plauen begann zu jener Zeit eine Phase der inneren Reorganisation. Die technische Abwicklung, die die Bestellung, Einarbeitung und Erschließung betraf, erfolgte nicht mehr von den Abteilungen im Einzelnen, sondern wurde von einer zentralen übernommen. Auch neue Technik hielt Einzug in die Räumlichkeiten und so wurde beispielsweise 1965 in der Bibliothek das erste Mikrolesefilmgerät aufgestellt. Ein Jahr zuvor war die Bücherei dem neugegründeten Bibliotheksverband der DDR beigetreten.

Das Zweigstellennetz der Hauptbibliothek erweiterte sich von vier Zweigbibliotheken und ebenso vielen Außenstellen im Jahr 1960 auf insgesamt 20 Zweigstellenbibliotheken und 21 Außenstellen im Jahr 1983.176 Ein Blick in einzelne Akten beweist jedoch, dass auch Ärgernisse und Schwierigkeiten auftraten. So wurde der Bibliothek beispielsweise für eine neue Außenstelle die ehemalige Konsumverkaufsstelle in der Reusaer Straße 73, von der Wohnraumlenkung der Stadt zugewiesen. Das Problem, welches hier zugrunde lag war, dass die Räume denkbar ungeeignet für das Vorhaben waren, wie Bibliotheksdirektor Fügner auch in vielen Briefen an die Stadt darlegte. Ungeachtet dessen wurde die Zweigstelle in „den vergitterten, muffigen, mit Salpeter befallen“177 Räumlichkeiten eröffnet.

Am 02. Juli 1962 öffnete die Musikbibliothek mit 600 Musikschriften und Musikalien ihre Abteilung. Die Einrichtung wurde in der folgenden Zeit im Rahmen eines Einsatzes des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) von den Mitarbeitern weiter ausgebaut und entwickelte sich, nicht zuletzt dank des Engagements ihres Leiters, des Bibliothekars Frieder Lenk, sehr rasch. Ab dem Jahr 1968 konnte man mit der Schallplattenausleihe beginnen und drei Jahre später wurde die Plauener Musikbibliothek als Mitglied in die internationale Vereinigung der Musikbibliotheken aufgenommen.

In der 1962
eröffneten
Musikbibliothek
wurden ein Vortragssaal
und Audioplätze
für die Nutzer
eingerichtet.

Ungeachtet dieser rasanten Entwicklung der gesamten Bibliothek belegt der Jahresabschlussbericht 1966 auch negative Tendenzen. So stagnierten nicht nur die Leserzahlen, sondern die Bücherei erhielt auch zu wenig Neuanschaffungsmittel, um den Bestand für den Leser attraktiv zu halten. Wie oben bereits erwähnt, war das Plauener Bibliotheksnetz breit gefächert. Dies machte es erforderlich, dass eine gewisse Menge an Mehrfachexemplaren von bestimmten Büchern vorhanden sein musste. Es liegt auf der Hand, dass dieser Umstand zulasten der Erneuerungsrate ging. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass die Bestandszahlen rückläufig waren, da es auch 1966 immer noch mehr Abgang als Zugang, vor allem, was die Bestände der Wissenschaftlichen Abteilung betraf, gab.

1968 wurde eine Bibliotheksverordnung erlassen, die den Bibliotheken mehr Rechtssicherheit, vor allem in Hinblick auf Haushaltssachen gab.178

Nun ein Blick auf die Entwicklung der Wissenschaftlichen Abteilung. Bei ihr hatte bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine Wandlung eingesetzt, die auch in der Folgezeit anhielt. Im Zusammenhang damit sei erwähnt, dass die Volkskammer der DDR ein Gesetz zum Schutz des Kulturgutes der DDR erlassen hatte.179 Der Arbeitsplan der Stadtbibliothek aus dem Jahr 1970 bestätigte, dass die Wissenschaftliche Abteilung zu einer wissenschaftlichen Heimatbibliothek um- bzw. ausgebaut werden sollte. So begann man in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Heimatgeschichte / Ortschronik des Kulturbundes der DDR mit dem Aufbau eines neuen Kataloges für den gesamten Heimatbestand. Das erklärte Ziel der Beteiligten war es, dass bis zum 31. Oktober 1970 die Bereinigung des wissenschaftlichen Altbestandes abgeschlossen sein sollte.

Während der Jahre erfolgte auch der Aufbau einer weiteren neuen Abteilung, der sogenannten Informationsabteilung. Sie sollte spezifisch auf die Erfordernisse des sozialistischen Staates ausgerichtet sein. Direktor Fügner, der den Ausbau dieser Abteilung forcierte und sie unter die wissenschaftliche Abteilung stellte, hoffte, so nicht nur die Wissenschaftliche Abteilung zu stärken, sondern auch den Heimatbestand vor einem weiteren Verfall zu bewahren.180 Die Grundlage für den Aufbau der Informationsabteilung bildeten die Beschlüsse des Ministerrates der DDR vom 22. April 1965 und der zweiten Hauptversammlung des Bibliotheksverbandes in Erfurt im Jahr 1966.181 Zudem sah sich der Rat der Stadt Plauen durch die geografische Lage der Spitzenstadt im Grenzgebiet dazu veranlasst, Geld für das Projekt „Informationsabteilung“ zur Verfügung zu stellen.182 Bereits in dem im gleichen Jahr von der Bibliothek vorgelegtem Jahresplan wurde der Aufbau einer Informationsabteilung beschlossen. Sie sollte in denjenigen Räumen untergebracht werden, die durch die Verlegung eines wissenschaftlichen Magazins und dem Auszug der volkspolizeilichen Dienststelle frei wurden. Der Aufbau der Abteilung vollzog sich in der folgenden Zeit mittels NAW-Einsätzen. Neue Leiterin der so geschaffenen Abteilung wurde Frau Karin Waldowski und am 11. März 1968 konnte die Informationsstelle feierlich eröffnet werden. Zu den Hauptaufgaben der Abteilung gehörten unter anderem die Zeitschriftenauswertung, der Aufbau eines Informationsbestandes für gesellschaftswissenschaftliche Literatur und das Anlegen einer Referatskartei für das Bibliothekswesen. Sechs Jahre nach ihrer Eröffnung veröffentlichte die Abteilung ein Zeitschriftenverzeichnis aller Großbetriebe des Stadtraumes Plauen und des Staatsbades Bad Elster.

Mit den Veränderungen in der Wissenschaftlichen Abteilung, dem Aufbau einer Informationsabteilung und dem Ausbau des Bibliotheksnetzes, sowie der Profilierung der Freihand-, der Kinder- und der Musikbibliothek entwickelte sich auch die Profilbibliothek alles Ganzes für das gesamte Vogtland.183

Ende der 60er Jahre kam es auch endlich zu einer Verbesserung des Ansehens der Bibliothekare und der sozialen Lage, in der sie sich befanden. So wurden 1968 etwa neue Arbeitsplananalysen und Normen für jeden Mitarbeiter von der Bibliothek erstellt. Ein Jahr später wurde zudem eine Betriebsvereinbarung abgeschlossen, die den Tarifvertrag vom 01. Februar 1949 modifizierte. Von nun ab gab es nicht nur neue Lohngruppen, sondern es wurden auch klare Arbeitszeit- und Pausenregelungen eingeführt, um den „um sich greifenden Pessimismus“184 der Mitarbeiter entgegenzuwirken. So arbeitete man nur noch an fünf Wochentagen insgesamt 43,75 Stunden. Ein Blick auf das Gehalt zeigt, dass beispielsweise ein Bibliothekar 514,00 Mark brutto im Monat und 15 Tage Urlaub im Jahr zur Verfügung hatte. Aber die neue Betriebsvereinbarung regelte auch Fernleihersuche, die sich an das nichtsozialistische Ausland richteten. Sie mussten, selbst wenn sie von den Mitarbeitern stammten, dem Leiter der Bibliothek zur Unterschrift vorgelegt werden. Im Jahr 1968 führte man einen innerbetrieblichen Wettbewerb in der Bibliothek ein und es gelang der Plauener Bücherei, seit 1971 permanent den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ zu erlangen. Zwei Jahre später verbesserte sich die Lohn- und Gehaltsstruktur in der Bibliothek weiter.

Im selben Jahr fand die 75-Jahrfeier der Stadtbibliothek Plauen statt. Allerdings musste sich hinter vielen offiziellen Terminen, wie den X. Weltfestspielen, dem 25. Geburtstag der Pionierorganisation, 125 Jahre Kommunistisches Manifest, 125 Jahre Bürgerliche Revolution in Deutschland und dem 15. Todestag J. R. Bechers usw. zurückstehen.

Literaturpropagandistische
Veranstaltung  der
Informations- und
Konsultationsstelle
zum "Wilhelm-Pieck-Aufgebot"
1971.

Im Jahr 1975 verstarb der Leiter der Bibliothek Heinz Fügner plötzlich und es musste ein Nachfolger gefunden werden. Dies wurde die Diplomgesellschafterin, zweimalige Aktivistin, Träger der Verdienstmedaille der DDR und Trägerin der Ehrennadel des DFD, der DSF und der Urania, Christia Schellenberger.185 Die wichtigsten Grundlagen und großen Entwicklungslinien waren bereits durch die Arbeit ihrer Vorgänger festgelegt worden. Noch im gleichen Jahr ihres Amtsantrittes begann man, mit Unterstützung des Zentralinstituts für Bibliothekswesen, mit dem Aufbau einer Konsultationsstelle für Literaturpropaganda. Über das Angebot der Informationsstelle sollte in dieser Abteilung methodisches Material bereitstehen, sodass sich der Nutzer für Wandzeitungen und propagandistische Veranstaltungen Politiker- und Künstlerbilder, Partei- und Staatsdokumente, Dia-Ton-Verträge und thematische Veranstaltungsprogramme zu den verschiedensten Themen ausleihen konnte. Um Platz für diese neue Abteilung zu schaffen, mussten die Magazine der Wissenschaftlichen Abteilung auf einen kleineren Raum zusammen gedrängt werden. Die bereits weiter oben erwähnte Vorbildersammlung, die man von der aufgelösten Kunst- und Fachschule für Textilindustrie erhalten hatte, wurde nun unter der Hinzuziehung von Textilingenieuren gesichtet. Danach übergab die Bibliothek einen großen Teil der Sammlung an die in Reichenbach ansässige Ingenieurschule für Textilindustrie.186 Vor allem Frau Waldowski, die Leiterin der Informationsabteilung, hatte sich beim Aufbau der Konsultationsstelle sehr verdient gemacht. Sicherlich auch aufgrund ihrer Leistung übernahm sie 1977 die Leitung der Wissenschaftlichen Abteilung.187

Das Ansehen der Bibliotheken war zwar gestiegen und seit 1979 wurden sie wieder offiziell zum Kreis der Kulturschaffenden gezählt, aber trotz allem litten sie unter geradezu chronischem Geldmangel und stagnierenden Benutzerzahlen.188 Besserung brachten erst die „Richtlinien über die Bestandserweiterung an staatlichen Allgemeinbibliotheken“ des Ministeriums für Kultur aus den Jahren 1975 und 1982. Sie stellten die Berechnungsrichtlinien für die Haushaltsmittel auf eine sichere Grundlage und so erhielt die Stadtbibliothek in Plauen ab 1977 jedes Jahr mehr als 100.000 Mark Buchanschaffungsmittel. Da der Fachbuchbestand in der Freihandbibliothek aktuell gehalten werden musste, zog man zu diesem Zwecke Fachleute der verschiedensten Bereiche zur Unterstützung heran.

1976 – dies war das Jahr, in dem die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR erfolgte. Die Mitarbeiter der Bibliothek sahen sich nun verstärkt unter Druck gesetzt, die Veröffentlichungen des unliebsamen Künstlers aus dem Bestand zu entfernen. In bereits bewährter Tradition nahm man die Materialien aus dem aktuellen Bestand heraus und bewahrte sie im Magazin für liberalere Zeiten auf.

Die Plauener Stadtbibliothek führte, auf eine Anweisung des Ministeriums für Kultur hin, ab 1977 Katalogregeln ein, die zwischen der DDR und BRD abgestimmt waren.189 Drei Jahre später eröffnete man in der Bücherei zusätzlich eine Artothek, in der man Poster und Bilder leihen konnte. Ende der 80er Jahre erreichte die Stadtbibliothek unter der Leitung von Peter Klebert sodann den Höhepunkt ihrer Entwicklung. So war sie die bibliothekarische Leiteinrichtung des Stadtkreises Plauen und unterhielt circa 40 Zweigbibliotheken und Außenstellen. Zu jener Zeit hatte die Bücherei über 200.000 Medieneinheiten im gesamten Bestand ihrer Abteilung. Dazu zählten die Freihand-, die Kinder- und die Musikbibliothek sowie die Artothek und die Wissenschaftliche Abteilung mit der Regionalbibliothek, der Fernleihe und der Informations- und Konsultationsstelle. Über 17.550 Nutzer liehen jedes Jahr fast eine halbe Million Medien aus und die verschiedensten Kataloge und Sonderkataloge erschlossen den Bestand für den Benutzer. Mit ihren zahlreichen Veranstaltungen war die Bibliothek ein wirksamer Partner der Kulturpolitik Stadt Plauen. Zeitgleich mit ihren zahlreichen Erfolgen vernachlässigte man allerdings die bauliche Substanz und die technische Ausstattung der Bibliothek völlig.

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173 Vgl. Marks 1985, S. 99
Interview Christa Wolf, 19.03.1998, MDR-Fernsehen
174 Die Quellenlage läßt ein solches Vorgehen doppelt sinnvoll erscheinen
175 Vgl. Marks 1985, S. 117
176 Vgl. Jahrbuch der Bibliotheken
177 Akte 12354, n.p.
178 Vgl. Gesetzblatt der DDR, 19. Juli 1968, III, Nr. 78;
Marks 1985, S.12;
An der Erarbeitung der BVO war ein Plauener Kulturamtsmitarbeiter beteiligt.
179 Vgl. Gesetzblatt der DDR, Juli 1980; Marks 1985, S. 161
Die Fragen des Öffentlichen Bibliothekswesens wurden vor allem durch die 5. Durchführungsbestimmung vom 26.02.71 geregelt.   
180 Vgl. Akte 12354, Arbeitsplan 1966
181 Vgl. Marks 1985, S. 110
182 Vgl. Akte 12354, Arbeitsplan 1966
183 Vgl. Akte 12354, Perspektivplan 1970-75
184 Akte Ebd., Betriebsvereinbarung 1969
185 Vgl. Jahrbuch der Bibliotheken 1978/79
186 Von dort aus ging der Bestand teilweise an die Fachschule für
angewandte Kunst Schneeberg.
187 Vgl. Gesprächsprotokoll Waldowski
188 Vgl. Marks 1985, 165
189 Vgl. Ebd., S. 150

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