Kapitel 6

Kapitel 6
Beginn der Bibliotheksentwicklung in der DDR
1949 - 1961

Mit der Gründung der DDR ging die staatliche Verantwortung nominell an eine Deutsche Regierung über. Die Teilung Deutschlands in zwei voneinander unabhängige Staaten, welche durch die Anfänge des Kalten Krieges und der Währungsreform eingeleitet wurde, war für die nächsten Jahrzehnte festgeschrieben. Das Land Sachsen hatte 1949 ein sehr fortschrittliches Bibliotheksgesetz erlassen, allerdings konnte es kaum Wirkung entfalten, da die Kulturhoheit spätestens im Zuge der Verwaltungsreform im Jahre 1952 zentralisiert wurde. Die Auflösung der einzelnen Länder und die Schaffung von insgesamt 14 Bezirken brachten dem Bibliothekswesen einen enormen Aufschwung.156 Wichtige zentrale Beratungs- und Lenkungsorgane, wie beispielsweise die staatlichen Fachstellen und das Zentralinstitut für Bibliothekswesen entstanden neu oder wurden umstrukturiert. Im Zuge dieses Prozesses lässt sich in den Akten ein Schwinden der Aussagekraft im Hinblick auf lokale Besonderheiten feststellen. Trotz des unumstrittenen Aufschwungs der Bibliotheken muss doch festgehalten werden, dass viele individuelle Entwicklungen der Bücherei in Plauen verloren gingen oder unterdrückt wurden.

Exlibris in: Shakespeare: Werke Potsdam, 1948

Lebenswichtig für jede Bibliothek war und ist die ausreichende Versorgung mit Buchanschaffungsmitteln und die Möglichkeit diese entsprechend den jeweiligen Aufgaben einzusetzen. Wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt wurde, hatten die Verlage die Pflicht, vorrangig die Bibliotheken zu beliefern. Das hatte zur Folge, dass man manche Bücher kaum noch über den Buchhandel beziehen konnte. Für die Steigerung der Anziehungskraft der Öffentlichen Bibliotheken von besonderer Bedeutung war auch das Eindämmen der Konkurrenz. Die gewerblichen Leihbibliotheken, die man noch bis zum Beginn der 60er Jahre toleriert hatte, wurden den Bibliotheken zur Kontrolle unterstellt. 1951 wurde man sich mit dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund auch über die nach 1945 wie Pilze aus dem Boden geschossenen Betriebsbibliotheken einig. Die Plauener Bücherei war von da an Koordinierungsstelle für die Betriebe in der Region.157 Bedingt durch diese Entwicklungen verlagerte sich die Aufgabenstellung in der Bibliothek in Plauen so stark, dass die Ausleihe in der Stadtbücherei nur noch eine Nebenrolle spielte. Das Hauptaugenmerk lag nicht nur auf der Betreuung der Betriebsbibliotheken, sondern vor allem auch auf der Literaturpropaganda.

Die Bestandsarbeit war in der Deutschen Demokratischen Republik engen staatlichen Zwängen unterworfen. Obwohl das Ideal des allseitig gebildeten sozialistischen Menschen ein lautstark gepriesenes Erziehungsziel war, stand anderes im vordergründigen Interesse der Machthaber. Auf der II. Parteikonferenz der SED formulierte diese als wichtigste Aufgabe der Bibliotheken, die Erziehung der Bürger zum Patriotismus, zur Verteidigungsbereitschaft und zur Freundschaft mit der Sowjetunion. Von den Obrigen als unwissenschaftliche Werke bezeichnete Bücher mit pazifistischem, militärischem, kosmopolitischem, objektivistischem oder opportunistischem Inhalt sollten laufend ausgesondert werden.158 Die Stadtbibliothek Plauen startete daher im Jahr 1950 die Aktion „An unsere Leser“. Diese sollten ideologisch falsche Stellen in Büchern sofort der Bibliotheksleitung melden.159 Das Credo dieser Denkhaltung formulierte 1958 Wolfgang Schumann in der Zeitschrift „Der Bibliothekar“ mit folgenden Worten: „Es ist wohl jedem Bibliothekar klar geworden, daß mit der bürgerlichen Objektivität in der Bestandspolitik und der Ausleihe Schluß gemacht werden muß.“160

Das folgende prozentuale Schema galt für die Bestandspolitik der Bibliotheken– abgesehen von einigen Lockerungen und Differenzierungen – bis 1989.161 So fasste 60% der Literatur Werke, die einem eindeutig sozialistischen Erziehungsziel verhaftet waren, sowjetisches Schriftgut und Literatur der Volksdemokraten und der DDR. Die restlichen 40% an Literatur, fassten solche Bücher, die die sozialistische Erziehung unterstützen sollten, Werke des bürgerliches Realismus und des kulturellen Erbes. Dass eine derartige Bestandspolitik nicht überall unbedingt auf das Interesse der Leser Rücksicht nahm, belegt eine Beschwerde der Plauener Buchhändler vom 07. Februar 1954. So existierte zur damaligen Zeit eine starke Nachfrage nach Kochbüchern, Jugendbüchern für Mädchen, guter humanistischer Literatur und Biografien von Ärzten, die weder vom Buchhandel noch von den Bibliotheken abgedeckt werden konnte.162

In einer Festschrift zum 10. Jahrestag der DDR machte die Allgemeine Öffentliche Bibliothek ihr neues Selbstverständnis deutlich. So sei nicht nur das Produkt der Kulturrevolution in der Deutschen Demokratischen Republik, sondern gleichermaßen auch ihr hervorragendstes Mittel. Während aus dem Westen der Vorwurf einer Diktatur laut wurde, forderten die Bibliotheken im Osten Deutschlands sogar eine weitere Zentralisierung. Dies ergibt sich daraus, dass mit dem Wachsen des sozialistischen Staates die bürgerlich-demokratischen Traditionen als Arbeitsgrundlage mehr und mehr fragwürdig geworden waren.163

Diese neue Entwicklungsetappe wurde in Plauen von der Bibliothekarin Gerda Hilpert geprägt, die vom 15. Juli 1950 bis zum 03. Januar 1957 die Leitung der Bücherei innehatte. Interessant ist vor allem der Zustandsbericht betreffs der Bibliothek, den Frau Hilpert bei ihrer Amtsübernahme gab.164 So sei die Bibliothek in vollkommen unzureichenden, denkbar schlechten Räumen untergebracht und über 2.000 Bücher könnten wegen Platzmangels nicht ausgepackt werden. Weiterhin existierte weder ein Kinder- und Jugendlesesaal noch ein Lesesaal für Zeitschriften. Auch gäbe es keine separate Kinder- und Jugendbücherei und die gesamte Belegschaft müsse systematisch qualifiziert und sechs Planstellen noch besetzt werden. Sie wies ebenfalls darauf hin, dass der Bestand an gesellschaftswissenschaftlicher Literatur nur noch alte Ausgaben, aber nichts Aktuelles enthalte. Kritisch sei auch, dass der belletristische Bestand viel Kitsch wie Ganghofer und Karl May fasse. Die Nutzer der Bibliothek seien vordergründig Hausfrauen, Rentner und ehemalige nationalsozialistische Intellektuelle. Die Bibliothek misse dringend mehr Anschaffungsmittel, jedoch mindestens Pfennig pro Einwohner, erhalten.

Die neue Leiterin Gerda Hilpert begann in sehr aktiver Weise die Bibliothek umzustrukturieren, und den gesellschaftlichen Erfordernissen der Zeit anzupassen. Die unter ihrer Führung geschaffenen strukturellen Grundlagen prägen die Entwicklung der Bücherei zum Teil bis heute. Die Schwerpunkte des 1950 vorgelegten Arbeitsplanes waren der Umbau der wissenschaftlichen Bücherei im Sinne einer volksverbundenen Arbeitsweise, die Abtrennung der Bestände zur Bildung einer Kinder- und Jugendbücherei und deren Vergrößerung, sowie die Einführung einer Freihandausleihe und die Erstellung von Auswahl- und Auswertungskatalogen, vornehmlich zu gesellschaftswissenschaftlichen und philosophischen Themen.165

 

Leseheft

Die wichtigste Aufgabe der Bibliothek war laut Frau Hilpert, die „Bewußtseinsbildung der Massen“.166 Nach ihrer Auffassung mussten alle Möglichkeiten, um die Menschen von der Notwendigkeit der Errichtung einer neuen Ordnung zu überzeugen, ausgeschöpft werden. In diesem Sinne wurde der Leser mithilfe suggestiven Wandzeitungen, Ausstellungen, Lesestunden, Werbewochen und auch Transparenten beeinflusst. Die Stadtbibliothek Plauen betreute im Jahr 1951 nicht nur drei Filialen und vier Ausstellungen, sondern überwachte auch sieben Leihbüchereien, sieben private Buchhandlungen und 45 Betriebsbüchereien. Dass die Mitarbeiter ihre Pflichten auch korrekt wahrnehmen konnten, wurden sie entsprechend geschult. „Damals herrscht an der Bibliothek eine Atmosphäre des Lesens“, berichtete ein ehemaliger Mitarbeiter.167 So fanden jede Woche Dienstbesprechungen, eine Buchbesprechung, sowie eine politische Zeitungsschau und ein gesellschaftswissenschaftlicher Lehrgang, ein kulturpolitisches Referat und eine Lehrlingsschulung statt. An vielen Abenden der Woche mussten die Mitarbeiter der Bibliothek im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes im Stadtpark Kabelgräben ausheben.168 Gerda Hilpert ermunterte die Angestellten auch stets, sich weiter zu qualifizieren. Die linientreue Arbeit nach innen, genauso wie nach außen, trug schnell Früchte und am 01. Juni 1951 konnte in Plauen die erste Musterkinderbücherei der DDR eröffnet werden.

Im Februar 1956 bezog die Stadtbücherei ein neues Domizil: die freigewordenen Räume der Stadtbezirksverwaltung West in der Neundorfer Straße 8. Nun sah sich auch Gesundheitsamt in der Lage, seine Räumlichkeiten in der Melanchthonstraße zu erweitern.

 

Das Haus Neundorfer Str. 8, ca. 1860 als Bürgerschule erbaut, beherbergte
ab 1956 die Bibliothek.

Obwohl der Bibliothek in dem neuen Gebäude mehr Raum zur Verfügung stand, war auch diese Lösung noch nicht ideal, da man sich das Haus mit vielen anderen Einrichtungen teilen musste. Zudem war die Tragfähigkeit der Deckes für Bücherregale nicht ausreichend und die Keller feucht. Aus diesem Grund blieben einige Altbestände noch bis 1994 in verschiedenen Außenmagazinen.

1960 im Monat April wurde die Freihandabteilung in drei Räumen im Erdgeschoss eröffnet. Bereits im darauf folgenden Jahr stellte man diese auf die sogenannte buchungslose Ausleihe um. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Leser ihre Bücher stets in der gebundenen Ausleihe ander Theke erhalten. Dieses System, welches große Einflussmöglichkeiten des Bibliothekars auf die Buchauswahl des Lesers beinhaltete, wurde zugunsten eines anonymeren und freieren Systems aufgegeben. Der Leser konnte sich nunmehr ein Buch mit oder ohne Hilfe des Bibliothekars heraussuchen, welchen dann unter einer bestimmten Nummer verbucht wurde.

Die Abteilung der Volksbücher entwickelte sich unter der Leitung von Gerda Hilpert im Einklang mit den staatlichen Vorgaben vorwärts. Die Plauener Stadtbibliothek war – wie sich der Leser sicherlich erinnert – lange Jahre als zweigeteilte Einheitsbücherei betrieben worden. Das Nebeneinander von Volks- und wissenschaftlicher Bücherei hatte es beispielsweise dem ehemaligen Leiter Dr. Bruno Sauer erlaubt, die nach 1933 verbotene Literatur in der wissenschaftlichen Abteilung zu bewahren. Nun verhielt es sich allerdings so, dass im Zuge des Wiederaufbaus der Bücherei nach Beendigung des Krieges die wissenschaftliche Bibliothek nicht mehr in die staatlichen Vorgaben passte. Während die Volksbibliothek mit einem relativ kleinen Bücherbestand große Lesermassen anzog, stellte die wissenschaftliche Bibliothek für wesentlich weniger Leser einen um einiges größeren Buchbestand zu Verfügung und sammelte zudem alle regionalen Veröffentlichungen. Somit standen zwei sehr unterschiedliche Aufgaben nebeneinander. Entsprechend des damaligen Zeitgeistes war die Arbeit der Volksbücherei, der späteren Allgemeinen Öffentlichen Bibliothek, viel besser abzurechnen. Die Benachteiligung der wissenschaftlichen Bibliothek begann bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, denn diese Abteilung, die auch über einen Zeitungslesesaal verfügte, wurde erst am 02. Januar 1949 wiedereröffnet. Die Besetzung der Leiterstelle zögerte man solange hinaus, bis sich der kompetenteste Anwärter – Herr Dr. Bruno Sauer – wie bereits erwähnt, nach Berlin zog.

In den 50er Jahren focht man im Zusammenhang mit der Auflösung der kleineren Landesbibliotheken auch das diffuse Funktionsbild der Wissenschaftlichen Stadtbüchereien an, der klare Bildungsauftrag der Allgemeinen Öffentlichen Bibliotheken wurde dagegen hervorgehoben und man forderte den „Mut zur Entscheidung“ über eine Auflösung der Wissenschaftlichen.169 Man argumentierte, dass die alte Stadtbücherei ein Hemmnis für die weitere Entwicklung sei und so wurden in fast allen Städten die Bibliotheken wissenschaftlichen Charakters entfernt. Die Bestände stellte man größeren Büchereien, Archiven und Museen oder als Sonderbände den Allgemeinen Öffentlichen Bibliotheken zur Verfügung.

In Plauen löste man 1951 die wissenschaftliche Bibliothek, in der Form, wie sie bisher existiert hatte, auf. Die allgemeinen wissenschaftlichen Bestände bereicherten fortan den Fachbuchbestand der Allgemeinen Öffentlichen Bibliothek. Tausende von Büchern und Zeitschriften wurden an verschiedene Plauener Kultureinrichtungen, an anderen Bibliotheken, an das Zentralantiquariat und im schlimmsten Fall an den Altstoffhandel abgegeben.170 Der neue Aufgabenschwerpunkt der wissenschaftlichen Abteilung lag nunmehr auf dem Sammeln von regionaler Literatur und der genaueren Auskunft in den Bereichen Kunst, Literatur und Gesellschaftswissenschaften.

Januar 1954 übernahm die Bibliothek die Vorbildersammlung der Staatlichen Kunst- und Fachschule für Textilindustrie, die in ihrem durch den Krieg völlig zerstörten Gebäude nicht wieder eröffnet werden konnte.171 Die Sammlung umfasste insgesamt 1542 Bände. Im Jahr 1957 wurde die Wissenschaftliche Abteilung in der Plauener Bücherei in neuer Gestalt wiedereröffnet.

Die äußere Entwicklung der Bibliotheken hin zu sozialistischen Einrichtungen war bis 1961 abgeschlossen. Sie unterstanden allesamt dem Ministerium für Kultur und Kommune und wurden durch ein enges hierarchisches Netz kontrolliert. Nicht nur ihre Rechtsstellung und Aufgaben, sondern auch ihre Struktur, Stellenpläne und die ihr zur Verfügung stehenden Mittel waren genau definiert und gesetzlich festgelegt.172

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156 Vgl. Marks 1985, S. 51
157 Vgl. Akte 2100, n.p.
158 Vgl. Thilo 1964, S. 45
159 Vgl. Akte 2120, n.p.
160 Ebd. S. 114f.
161 Vgl. Der Bibliothekar, 1959 H.3
162 Vgl. Akte 2100, n.p.
163 Vgl. Ebd., S. 10
164 Vgl. Akte 2120, n.p.
165 Vgl. Ebd.
166 Ebd.
167 Vgl. Gesprächsprotokoll Wolfgang Pohl 1994
168 Vgl. Ebd.
169 Vgl. Marks 1985, S. 57
170 Vgl. Gesprächsprotokoll Wolfgang Pohl 1994
Akten über diese Aktionen konnten nicht gefunden werden.
171 Vgl. Flämig 1996
172 Vgl. Marks 1985, S. 71ff.

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