Kapitel 5

Kapitel 5
Auferstanden aus Ruinen 1945 - 1949

1945 brach nicht nur das Dritte Reich, sondern für Deutschland auch eine Welt zusammen. Die reale und geistige Welt der Menschen hatte sich in ein Trümmerfeld verwandelt. Die Zeit vor der Herrschaft der Nationalsozialisten lag im subjektiven Selbstverständnis der deutschen Bevölkerung zudem weit mehr als zwölf Jahre in der Vergangenheit und bot keinerlei Ansätze mehr für die Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses. Die katastrophalen Lebensbedingungen, sowie die völlig ungeklärte Lage im Jahr 1945 forderten den Menschen, die sich von Anfang an dem Aufbau widmeten, alles ab.

Die Stadt Plauen selbst war durch insgesamt 14 englische und amerikanische Luftangriffe, die im Zeitraum von September 1944 bis April 1945 statt gefunden hatten, zu zwei Dritteln zerstört.125 Ganze Stadtviertel, wie etwa die Bahnhofsvorstadt, existierten nicht mehr. Viele Straßen waren durch Bomben- und Trümmerschutt unpassierbar geworden. Im gesamten Stadtgebiet ermittelte man 12.600 Bombentrichter.126 So ist es nicht verwunderlich, dass selbst heute noch Bauarbeiter bei Erdarbeiten vereinzelt Blindgänger finden.127 Von April 1945 bis zum 1. Juli desselben Jahres, war die Stadt von amerikanischen Truppen besetzt. Sie räumten das Vogtland erst nach dem Zustande kommen des entsprechenden Abkommens der Siegermächte des II. Weltkrieges und überließen es dann sowjetischen Truppen.

Die Stadtbücherei in Plauen arbeitete nicht nur während des Krieges unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch in und nach der Zeit der bedingungslosen Kapitulation, wobei Charlotte Mühlig auch dort die Verantwortung in die Hand nahm. Am 23. Mai 1945 übergab die Leiterin der Bibliothek der Personalverwaltung der Stadt eine Liste aller noch an der Bibliothek tätigen Personen, die sich nach dem Aufruf des Oberbürgermeisters Dr. Schlotte vom 9. des Monats zurückgemeldet hatten.128, 129 Insgesamt vier der Bibliotheksmitarbeiterinnen, darunter Frau Sauer wurden entlassen. Dr. Hopf, Fräulein Hurlebusch und Fräulein Müller versetzte man an andere Dienststellen, sodass es an Frau Mühlig war, den Bibliotheksbetrieb mit der Hilfe von drei Angestellten, in dem stark zerstörten Gebäude, notdürftig aufrechtzuerhalten. Am 30. Juni des Jahres folgte, trotz der Fürsprache der Leiterin, die Entlassung eines Mitarbeiters, der seit 1925 Mitglied der NSDAP und Träger des goldenen Parteiabzeichens war.130 Als sich abzeichnete, dass die ein Wechsel der Besatzungsmacht in der Stadt kurz bevorstand, forderte die Bibliothek alle Leser auf, die geliehenen Bücher bis zum 20. Juni zurückzubringen.131

Am 21. Juni und somit 20 Tage nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee forderte der neu eingesetzte Bürgermeister Dittel, Frau Mühlig und Dr. Hopf auf, sich beim sowjetischen Militärkommandanten zu melden. Der Bericht an den Bürgermeister gibt Aufschluss über dieses Treffen.132 Die ersten Fragen, denen sich die Zwei stellen mussten, betrafen die Größe und Bedeutung der Bibliothek und ob sich Hitlers „Mein Kampf“ sowie weitere nationalsozialistische Literatur noch im Bestand befänden. Bis zum 30. Juli sollte eine Liste der ausgeschiedenen Bücher eingereicht werden. Die anderen Bücher der Volksbücherei sollten nochmals überprüft und dann wieder für die Ausleihe freigegeben werden. Über den Bestand der wissenschaftlichen Abteilung erteilte der Stadtkommandant keine Anweisungen.

Bis zu jenem Zeitpunkt wurde die Verwaltung auf lokaler Ebene noch weitgehend ohne detaillierte zentrale Vorgaben geführt. Dies ist auch durch den Wechsel der Besatzungsmacht begründet. Wenige Wochen später war die Stadt Plauen aber bereits vollständig in die Sowjetische Besatzungszone eingegliedert. Nun musste sich die gesamte Bibliothekspolitik an den Befehlen der SMAD absolut zentralistisch ausrichten, die 1945 zuerst die Entnazifizierung und Entmilitarisierung durchsetzte.133 Charlotte Mühlig hatte bisher immer eine lückenlose Integration der Plauener Bücherei in das sächsische Bibliotheksnetz wegen der Besonderheiten der Bibliothek abgelehnt.134

Die bereits im Jahr 1945 in der sowjetischen Besatzungszone begonnenen Reformen, insbesondere die Boden- und die Schulreform, sowie die Entmachtung der Nazi- und Kriegsverbrecher, bildeten – vor allem im Licht des beginnenden Kalten Krieges – die wesentlichen Orientierungspunkte für das Bibliothekswesen. Getreu dem sowjetischen Muster sah man in den Öffentlichen Bibliotheken ein wichtiges Mittel im Dienste der Volksbildung. Konsequenter noch als nach 1933 gingen die neuen Machthaber nun daran, die Büchereien völlig umzukrempeln. Literaturpropaganda lautete das Schlagwort. Die Weimarer Ideale Informationsvermittlung und Ausleihpädagogik waren nicht mehr gefragt. Ab dem Oktober 1945 gab die Deutsche Bücherei im Auftrag der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland Listen für die Entnazifizierung der Bestände heraus. Nach dem Entfernen der nationalsozialistischen und militärischen Literatur begann man unter dem Vorwand des Kampfes gegen das Seichte und den Schund mit der Aussonderung der bürgerlichen Literatur.135 Der Neuaufbau des Bibliothekswesens vollzog sich ganz im Sinne der neuen Machthaber und die Beschaffung von neuen Büchern gestaltete sich relativ schwierig. Das Verlagswesen hatte schwer unter den Folgen des Krieges, der Papierknappheit und der Demontagen durch die sowjetischen Besatzer gelitten. „Jede Neuerscheinung aus deutscher Verlagsproduktion wurde als Ereignis begrüßt, wenn gleich die Auflagen klein und gegenüber de Bedürfnissen viel zu gering waren.“136 Die „Mangelware Buch“ konnte der Leser fast nur über die Bibliotheken beziehen, da die Verlage und Händler diese vorrangig zu beliefern hatten.

Die Entwicklung der Plauener Bibliothek nach dem Krieg bewegte sich ab Herbst 1945 in eine neue Richtung. Am 26. Oktober des Jahres wurde die Stadtbücherei völlig neu organisiert. Dr. Bruno Sauer, der immer noch nominell der Direktor der Stadtbücherei war, und alle Mitarbeiter außer Dr. Hopf wurden entlassen.137 Letzterer entging der Entlassung wohl zunächst, weil er den Verdienst von Dr. Sauer, nach 1933 die marxistischen Schriften vor der Vernichtung geschützt zu haben, für sich in Anspruch nahm. Das Adressbuch der Stadt Plauen aus dem Jahr 1947 belegt nicht Albin Grau als neuen Leiter der Bibliothek, sondern auch einen neuen Mitarbeiterstamm. Noch im selben Jahr erhöhte man zudem die Anzahl der Arbeitsstellen von zehn auf 13.138 Der neue Direktor der Einrichtung war ein anerkanntes Opfer des Faschismus, Mitglied der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) und nach eigenen Angaben von Beruf Schriftsteller und Buchhändler.139 Im Jahr 1941 war Albin Grau als Handelsvertreter in Plauen tätig gewesen.140 Es ist also davon auszugehen, dass er außer der richtigen Einstellungen über kein Fachwissen verfügte.141 Der Mangel an Fachpersonal war typisch für die gesamte Sowjetische Besatzungszone. Bis zu seiner Entlassung im Jahr 1947 leistete Dr. Hopf die meiste fachliche Arbeit. Er engagierte sich besonders für den Wiederaufbau der Wissenschaftlichen Abteilung, wohl, weil er hoffte, ihr Leiter zu werden.142 Zudem war er auch mit der Bearbeitung der enteigneten Buchbestände beauftragt.143 Von den insgesamt 7.200 Büchern, die man an die Bibliothek gab, beanspruchte die 32 wertvollsten die Sächsische Landesbibliothek für sich und 5.200 wurden vernichtet. Die restlichen wurden der Volksbücherei für die tägliche Ausleihe zur Verfügung gestellt.144

Am 18. Februar 1946 konnte der Bibliotheksleiter Albin Graz die Ausleihe mit 35.000 Bänden wieder eröffnen. Diesem Tag war allerdings ein langer Weg vorausgegangen: „Ohne Heizung, mit steifen Fingern und halb erfrorenen Füßen wurden den Winter über die Bücher gesäubert und katalogisiert, wurde das militärische und nazistische Gift ausrangiert, insgesamt über 8000 Bände [...] 2000 Bücher wurden aus den im Zuge der Bodenreform aufgeteilten Rittergütern sichergestellt [...].“145 Doch das Buch blieb Mangelware. „Umso erfreulicher ist es, daß 1933 über 2000 Bestände ehemals verbotenen marxistischen Schrifttums dank der Umsicht und dem Verantwortungsbewußtsein des Sachbearbeiters der Wissenschaftlichen Abteilung, Herrn Dr. Hopf vor der Vernichtung bewahrt werden konnten.“146 In den Zeitungen ließ sich Dr. Hopf als Retter der marxistischen Bücher feiern.147 Im März 1946 stellten jedoch der Stadtrechtsrat a.D. Naumann und der Stadtsteuerinspektor Herold diese Angelegenheit richtig. Damals im Jahr 1933 hatte nicht Dr. Hopf, sondern Dr. Sauer die Bücher aus dem Bestand der Volksbücherei genommen und in der Wissenschaftlichen Abteilung untergebracht (vgl. Kapitel 4). Quellen aus dem Stadtarchiv von Plauen und dem Nachlass Sauers belegen eindeutig den Einsatz des ehemaligen Bibliotheksleiters und die Schwierigkeiten, die ihm daraus erwachsen waren. Dr. Hopf war zum fraglichen Zeitpunkt noch nicht einmal in der Bücherei angestellt gewesen.

Lesezeichen

Der Bestandsaufbau in der Plauener Bibliothek sollte derart geschehen, dass „den Schaffenden“148 diejenigen Bücher wieder zugänglich gemacht werden, die in den zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur verboten waren. Dabei standen vor allem politische und volkswirtschaftliche Schriften im Vordergrund. Inhaltlich wertvolle Bücher wurden den Lesern in mehreren Exemplaren zur Verfügung gestellt. Im Dezember 1946 kritisierte die Sächsische Volkszeitung nicht nur das Fehlen von Büchern in der Plauener Bibliothek, sondern auch in den Antiquariaten.149 Zwei Jahre später stellte die Landesregierung 35.000 Mark für den Bestandsaufbau der Bücherei zur Verfügung.150 Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges lag vor den Mitarbeitern der Bibliothek die Sisyphusarbeit, Bücher zu erwerben, zu retten, zu katalogisieren und für die Ausleihe bereit zu machen, um den Forderungen der Leser nachzukommen. Neben dieser großen Aufgabe musste die Bücherei aber auch um ihre räumliche Unterbringung kämpfen. Da man sich das Gebäude in der Melanchthonstraße mit dem Gesundheitsamt teilte, waren die vorhandenen Räumlichkeiten viel zu klein. Zudem versuchte das Gesundheitsamt, mit Verweis auf seine Bedeutung, die Bibliothek zu verdrängen.151 Schließlich wurde ein neues Domizil in der ehemaligen Druckerei Wieprecht gefunden, was die Bibliothek allerdings nach schon begonnenem Umzug dem Straßenbauamt überlassen musste.152

Im Sommer des Jahres 1947 kehrte Dr. Bruno Sauer aus russischer Kriegsgefangenschaft, in die er am 26. April 1944 verwundet als Oberleutnant d.R. geraten war, nach Plauen zurück. Er war nach Aufenthalten in den Lazaretten in Antopol und Kupjan, sowie im Lager Rjasan Ende August 1947 aus der Gefangenschaft entlassen wurden. Seine Arbeitsstelle in der Bibliothek wurde, wie bereits oben beschrieben, gekündigt, obwohl sein Einsatz für die verbotenen Bücher im Dritten Reich bereits bekannt war. Seine Frau und die beiden Kinder lebten allerdings immer noch in der Friedensstraße 41 in Plauen. Nachdem Dr. Sauer zurückgekehrt war, bemühte er sich sogleich um eine erneute Anstellung in der Bibliothek. Obwohl namenhafte Fachleute seine wissenschaftliche Leistung bestätigten und trotz seines damaligen Einsatzes für die Bücherei und deren Bestände, warf man ihm den 1938 erzwungenen Eintritt in die NSDAP vor und verweigerte ihm sein Anliegen.153 Ungeachtet der schweren Nachkriegszeit begann er nach dieser Zurückweisung als wissenschaftlicher Schriftsteller, eine Bibliografie zur vogtländischen Volkskunde zu erarbeiten. Doch selbst dieser persönliche Einsatz brachte ihm keine Achtung ein, eher im Gegenteil, denn seine Literaturrecherchen wurden ihm in der Bibliothek hämisch erschwert.154 1949 bewarb sich Dr. Bruno Sauer abermals um die Leitung der Wissenschaftlichen Abteilung der Stadtbibliothek. Seine Einstellung wurde nicht nur vom Direktor der Deutschen Bücherei in Leipzig, sondern auch vom Kulturamt der Stadt Plauen befürwortet, zumal andere vergleichbar qualifizierte Arbeitskräfte für das angebotene Gehalt nicht zu bekommen waren. Der hervorragende Sachverstand Sauers stand außer Frage und auch die Umstände seiner NSDAP-Mitgliedschaft waren geklärt und trotzdem lehnte die Landesregierung seine Einstellung ohne Begründung ab.155 Entmutigt nach dieser Niederlage, bewarb sich Sauer bei der Amerika-Gedenkbibliothek, die sich in Westberlin befand und eine von den USA eingerichtete Vorbildbibliothek war. Aufgrund seiner unstrittigen wissenschaftlichen Leistungen konnte er dort eine Stelle als Abteilungsleiter antreten und zog mit seiner Familie in die neue Heimat.

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125 Vgl. Weiß, S. 12; Vgl. Laser 1996
126 Vgl. Ebd.
127 Bodenfund in den Plauener Kolonaden. In: Freie Presse.
01.08.1998
128 Vgl. Akte 30, Bl. 223
129 Vgl. Akte 30, Bl. 222. Mitglieder der NSDAP vor 1933 und  Ehefrauen, deren Männer ein Einkommen haben, wurden nicht mehr benötigt
130 Vgl. Akte 30, B. 225
131 Vgl. Akte 24, Bl. 5
132 Vgl. Ebd., Bl. 7
133 Befehl Nr. 39 der SMAD vom 08.09.1945 über die Konfiskation nazistischer und militärischer Literatur (Vgl. Marks 1985, S. 26).
134 Vgl. Akte 2106, Bl. 130
135 Thilo 1964, S. 7. Er unterscheidet drei Perioden:
1945/46 Entnazifizierung, 1947/48 Entbürgerlichung, 1949 Bolschewisierung
136 Marks 1985, Bl. 33
137 Vgl. Nachlass Sauer
138 Vgl. Akte 2106, Bl. 127,164
139 Vgl. Ebd., Bl. 93. 8.05.1941: Bericht an das Referat
für Kultur der Landesregierung
140 Vgl. Adressbuch 1941
141 Ein Bericht der 1950 eingesetzten Leiterin G. Hilpert
beschreibt die Zustände in der Bibliothek bei ihrem
Amtsantritt (Vgl. Kapitel 6)
142 Im Schreiben vom 22. Mai 1946 beschwerte sich Dr. Hopf
beim Direktor der Bibliothek über die vielen Fehler, die in der
Zeit der Verantwortung der Frau Mühlig passiert seien und gab seiner Hoffnung Ausdruck, daß diese nicht ihm zugeschrieben würden (Vgl. Akte 2106, Bl. 107)
143 Vgl. Akte 2106, Bl. 61, 141
144 Vgl. Ebd., Bl. 126
145 Zur geistigen Erziehung des Volkes berufen. Die wichtigste
Aufgabe der Plauener Volksbücherei. In: Sächsische Volkszeitung, 16.02.1946
146 Ebd.
147 Vgl. Freie Presse 1946, Nr. 148, S. 4
148 8000 Totgeschwiegene feiern Auferstehung. Wie es in der
städtischen Bücherei aussieht. In: Sächsische Volkszeitung, 7.12.1946
149 Vgl. Ebd.
150 Vgl. Chronik der Vogtlandbibliothek, n.p.
151 Vgl. Akte 2106, Bl. 91
152 Vgl. Ebd., Bl. 22f.
153 Vgl. Nachlaß Sauer, Brief von Ernst Dietlein, Friedrich Schneider, Rolf Kötzschke, Erich Wild, Carl Forberger, u.v.a.
154 Wenn Sauer, der nur zu den üblichen Öffnungszeiten im
öffentlichen Lesesaal arbeiten durfte, ein bestimmtes
Buch verlangte und es der Diensttuende an der Buchausgabe als
nicht vorhanden bezeichnete, konnte er auf den genauen Standort des Buches hinweisen. Er erhielt es trotzdem nicht.
Gesprächsprotokoll W. Pohl
155 Vgl. Akte 2120, n.p.

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