Kapitel 4

Kapitel 4
Unter nationalsozialistischer Diktatur 1933 - 1945

1933 – 1938
Durch die Probleme, die im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise standen, bereits bis an ihre Grenzen belastet, musste sich die Bücherei 1933 einer neuen Herausforderung stellen: der nationalsozialistischen Diktatur. Für die Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland hatte die neue Herrschaftsform ambivalente Bedeutung: Bestand, Leser und Personal waren durch den nunmehr starken Einfluss des Staates in einer bis dahin sehr eigenständig geführten Einrichtung schweren Belastungen ausgesetzt. Die neuen Machthaber erkannten jedoch rasch die Möglichkeit, mittels des Buches dort Einfluss auszuüben, wo es Rundfunk und Massenveranstaltungen versagt blieb. Diese Erkenntnis führte nicht nur zur Zentralisierung des Bibliothekswesens, sondern auch zu dessen finanzieller Förderung. Bis 1942 wurde der Ausbau des gesamten Volksbibliothekswesens stark forciert, sodass sich die Anzahl der Büchereien fast verdoppelte.80 Mit Begin der nationalsozialistischen Herrschaft hatte sich das Verhältnis von Staat und Bibliothek und der damit verbundenen Hauptaufgabe der Letzteren völlig verändert: „Es ging nicht mehr darum, den Lesern die von ihnen gewünschte Literatur zu Verfügung zu stellen – wie pädagogisch auch immer der Bibliothekar dabei auf den Leser einzuwirken hatte – jetzt waren vielmehr die Leser im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen […].“81 Welche Bedeutung der Staat den Volksbüchereien, vor allem auch in den „heim in Reich geholten“-Gebieten, zumaß, belegt ein 1943 von der Reichstelle für Volksbüchereiwesen herausgegebener Bildband. Darin ist zu lesen: „Es mag früher üblich gewesen sein, sie (die Büchereien – Anmerkung des Autors) in Nebengebäuden und Hinterhäusern lieblos abzustellen. Heute, wo wir auch mit der Bücherei jedem Volksgenossen den Weg zu seinem Platze im Volksganzen ebnen wollen, ist das unmöglich.“82 Trotz allem spielte das Bibliothekswesen in der nationalsozialistischen Ideologie nur eine untergeordnete Rolle. Es sollte daher keinesfalls der Fehler begangen werden, die öffentlichen Erklärungen mit der politischen Praxis zu verwechseln.83 Die Realität innerhalb des totalitären Staates war von einem Kompetenzenwirrwarr geprägt.84

Die Vordenker im Öffentlichen Bibliothekswesen sahen in dem Herrschaftswechsel gar die Chance, die Bücherei weiterentwickeln zu können.

 

In: Vogtländischer Anzeiger, 12.5.1933

„Manches Gedankengut, das ursprünglich keineswegs nationalsozialistisch gewesen war, wie Walter Hofmanns Idee des Werthaften, wurde nun in diesem Sinne umgedeutet und als Argument für die Entfernung linksliberalen zersetzenden Schrifttums aufgegriffen. [...] Im Dritten Reich sollte die Arbeit der Volksbüchereien die Neugestaltung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens stützen und fördern.“85 Typisch für das Bibliothekswesen war auch in dieser Zeit, dass viele Veränderungen nicht „von oben“ angeordnet, sondern in einer Art vorauseilenden Gehorsam ausgeführt worden. Die ersten Indexlisten beispielsweise stellte 1933 ein Bibliothekar zusammen.

Nach der Machtübernahme im Jahr 1933 verfolgte die Politik das Konzept der Gleichschaltung. Es sei angemerkt, dass sich an der desolaten Finanzsituation, die seit der Weltwirtschaftskrise herrschte, nicht geändert hatte. Noch im September 1934 sprach der damalige Plauener Oberbürgermeister im Vorwort einer Publikation zum 43. Reichwandertag in Plauen, von der „wirtschaftlichen Not“ und dem Ruhm der Stadt, „die erste Großstadt Deutschlands zu sein, die sich in ihrer Mehrheit zu Adolf Hitler bekannte […].“86 Plauen hatte es sich zum Ziel erklärt, eine Hochburg des Nationalsozialismus zu sein.87 Um dies zu erreichen, wurden auf dem kulturellem Sektor Theater, Museum, Kunstschule und Bibliothek hervorgehoben und gefördert. In diesem Zusammenhang ergab sich für die Bücherei die Chance, sich Handlungsspielraum zu sichern.88 In einem Rundschreiben des Verbandes der Volksbibliothekare vom 03. Mai 1933 bestätigte dieser seine „Bereitschaft […] zur Mitarbeit an der nationalen Revolution.“89 Im Dezember des selben Jahres regelte der sogenannte „Noch heute Erlaß“ den Gleichschaltungsprozess der Büchereien und lähmte die Eigeninitiative der Büchereileiter, die nunmehr ihrer Kompetenz beraubt waren.90 Im Mai 1934 wurde das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung gegründet, dass auch die Verantwortlichkeit für das Volksbüchereiwesen übernahm und die Preußische Landesstelle zur „Reichstelle für volkstümliches Büchereiwesen“ erweiterte.

Um die Büchereien ihren neuen Bestimmungen, die von den Machthabern anfangs nur verschwommen formuliert wurden, zuzuführen, musste vor allem der vorhandene Bestand verändert werden. Ein weitreichendes Fanal setzte die von denunziatorischen Presseschriften begleitete Verbrennung von Büchern, die nicht weniger als die Vernichtung deutscher humanistischer Kultur bedeutete. „Mit der Bücherverbrennung hat sich unauslöschlich das Bild marodierender Studententrupps und Kampfbundaktivisten verbunden, die sich in Buchhandlungen und Bibliotheken Beutegut zusammenraubten, das am 10. Mai 1933 während einer öffentlichen, hoch rituellen Zeremonie den Flammen überantwortet wurde; […].“91 Im gleichen Monat veröffentlichte die Zeitschrift „Bücherei und Bildungspflege“ einen Aufruf des Vereins deutscher Volksbibliothekare, in dem die Büchereien dazu aufgefordert worden, eigene Säuberungen durchzuführen, um Fremdkontrollen zuvorzukommen.92 Obwohl es in Plauen keine nachweisbaren Attacken gegen die Bücherei gab, die ein sofortiges Handeln erforderlich machten, wurde die Bücherei vom 24. Juli 1933 bis 05. August 1933 wegen Reinigungs- und Ordnungsarbeiten geschlossen. Stadtrat Kötz, der bereits seit 1925 den Aufbau der Bibliothek nicht nur mit geformt, sondern auch forciert hatte, behielt auch nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten sein Amt. Obwohl es mittels Quellen kaum nachzuweisen ist, unterstütze er den Büchereileiter Dr. Sauer in dessen Anstrengungen um eine auch weiterhin vernünftige Leitung der Bibliothek. Erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges war es möglich, die überlegten Tätigkeiten Dr. Sauers in jener Zeit nachzuvollziehen. Der Leiter der Plauener Bücherei nutzte für seine Zwecke besonders die Struktur der Bibliothek als zweigeteilte Einheitsbücherei, da die Wissenschaftlichen Bibliotheken ihre Bestände nicht nur behalten durften, sondern sogar zum Sammeln angehalten worden. Er nahm dementsprechend die Bücher „pazifistischer und marxistischer“ Autoren aus dem Volksbüchereibestand und verstaute sie im Magazin der Wissenschaftlichen Abteilung. Die Veröffentlichungen jüdischer Autoren kennzeichnete er bis zu deren totalem Verbot im Jahr 1940 im Katalog mit dem Stern, sodass kein Volksgenosse in die Verlegenheit geraten konnte, das falsche Buch zu bestellen. Dr. Sauer formulierte im Verwaltungsbericht 1933 als obersten Grundsatz der Bestandsarbeit „die strenge Beschränkung auf das im weitesten Sinne völkisch werthafte und artechte, das dem deutschen Volke in geistiger, seelischer, politischer oder fachlich-beruflicher Hinsicht zu nützen vermag.“93 In diesem Bekenntnis zu den neuen Machthabern ist immer noch der Geist der in der Weimarer Republik gewachsenen Bücherei erkennbar. Das dargelegte Vorgehen von Dr. Sauer war nur möglich, weil es zu keiner Zeit einen Verbotskatalog gegeben hatte, der zuverlässig und für jedermann sichtbar zwischen erlaubt und verboten unterschied.94 Gerade aber auch deshalb herrschte unter den Bibliothekaren große Unsicherheit, und es erforderte Zivilcourage, den nebelhaften Drohungen, die bis zu Vernichtung der eigenen Existenz führen konnten, zu widerstehen. Unter den Bibliotheksakten konnte das Reichskulturkammergesetz von 1933 und das sächsische Verwaltungsblatt vom 22. Mai 1934 gefunden werden.95 Beide Schriftstücke befassen sich mit der Neuordnung und Reglementierung der Bibliotheken. Die Vorschriften richten sich dabei vor allem an die kleinen Volksbüchereien und unterstellen sie der Landesfachstelle für Büchereiwesen in Dresden. Die Bibliotheken in den sächsischen Großstädten behielten dagegen mehr Handlungsspielraum und waren dem Ministerium für Volksbildung direkt unterstellt.

Die Erschließung des Bestandes, sowie die diversen Buchausstellungen der Plauener Bücherei waren zum größten Teil eindeutig zweckbestimmt und politisch akzentuiert. Nach 1933 erschienen in der Bibliothek der Stadt auch wieder Auswahlverzeichnisse, deren Themen deutlich die neue Ausrichtung des Bestandes widerspiegelten. Beispielsweise sollte die Auswahlliste „Nationalsozialistisches und politisches Schrifttum“ die Sorgfalt beweisen, die die Bücherei dem Ausbau ihres Bestandes widmete.96 Im Jahr 1940 erschien noch einmal ein gedruckter Katalog „Deutsches Schrifttum“. Bei der ansonsten akribischen Arbeitsweise Dr. Sauers ist es stark verwunderlich, dass weder Erscheinungsjahr, noch Erscheinungsort genannt werden. Die Auswahl der 454 Autoren, von denen die meisten bis heute zur Weltliteratur zählen, legt den Schluss nahe, das Sauer seinen humanistischen Ansichten treu geblieben ist.

Solange das Interesse der Nutzer nicht gesteuert wurde, wandte es sich vor allem der Schönen Literatur und den berufsweiterbildenden Werken, weniger den politischen Schriften zu.97 Ob die Stadt für Letzteres in ihrer damaligen wirtschaftlichen Verfassung Sondermittel, wie viele andere deutsche Städte, zur Verfügung stellen konnte, kann nicht belegt werden.98

Wie bei der Bestandspolitik kann auch bei der Personalpolitik zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft keine absolut klare Entwicklung festgestellt werden. Die einzelnen Repressionsmaßnahmen hingen meist stark von den örtlichen Verhältnissen ab. Obwohl einige renommierte Direktoren großstädtischer Bibliotheken entlassen wurden, war im Ganzen trotzdem eher eine relative personelle Kontinuität feststellbar.99 Nach den teilweise schockartigen persönlichen Erfahrungen in der Zeit nach der Machtübernahme trat eine Zukunftserwartung ein, die mit der steigenden oder suggerierten Bedeutung des Berufsstandes einherging.100

Im Jahr 1933 gab es in der Plauener Bücherei einen Vorfall, der nach bisherigen Ermittlungen mit keinem anderen Vorkommen im NS-Staat vergleichbar ist: Den beiden bewährten Büchereiassistentinnen Ursula Schüffner und Anneliese Sebe wurde unerwartet gekündigt. Auf Nachfrage erhielt Dr. Sauer die Antwort, dass Beamtentöchter, deren Väter ein höheres Einkommen als 300 Mark erhielten, ihre Stellen für ältere, arbeitslose Familienväter freimachen müssten.101 Der Leiter der Bibliothek setzte sich daraufhin vehement für den Verbleib seiner beiden engagierten Mitarbeiterinnen ein. Doch weder dies, noch ein Schreiben an den Verband Deutscher Volksbibliothekare konnten die Entscheidung der Stadt verhindern, sondern lediglich verzögern. Bei der Neubesetzung der Stellen wurde, wie in der gesamten Personalpolitik der Bücherei, deutlich, dass die korrekte politische Einstellung die Hauptrolle spielte, und nicht die fachliche Eignung. Dr. Sauer konnte nun auch nicht mehr das vor 1933 übliche Mitspracherecht bei der Stellenbesetzung gelend machen.102 1936 klagte er in einem Brief an die Abteilung Stadtbüchereisachen der Stadt Plauen: „Der bibliothekarische Dienst an der Stadtbücherei hat aber im Laufe der Zeit immer mehr die Form eines Geschäftsbetriebes angenommen, bei dem das Buch nur als Gegenstand, aber nicht mehr als ein kultürliches Erzeugnis von einzigartiger Bedeutung behandelt wird.“103 Bibliotheksleiter Dr. Sauer war trotz seines Rückhaltes bei Stadtrat Kötz, der sich für die Bücherei verantwortlich zeichnete, einem ständigem Kleinkrieg ausgesetzt, der sich jedoch kaum in den erhaltenen Akten widerspiegelt.104 Bereits im März des Jahres 1933 stellten die Mitglieder der Plauener NSDAP-Geschäftsstelle Nachforschungen über die innere politische Einstellung des Büchereileiters an. Im Spitzelbericht ist Folgendes zu lesen: „Es ist aber mit Bestimmtheit anzunehmen, daß keine Verbundenheit mit irgendeinem nationalen Verband, einer Partei oder Korporation besteht. […] Sozialistische Zeitungen sind seine Hauptlektüre. Politisch rechts gerichtete Zeitungen usw. sind noch nicht in seinen Händen gesehen worden. Bezeichnend ist es, daß die Familie ihre gesamten Einkäufe bei Tietz tätigt […].“105 Es sei angemerkt, dass es sich bei Tietz um ein jüdisches Kaufhaus im Stadtzentrum handelte. Die Bespitzelung von Dr. Sauer und auch seiner Familie hielt bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht im August 1939 an. Da er seit 1929 als Beamter angestellt war und wie es der Oberbürgermeister Eugen Wörner bestätigte, „sein Auftreten in- und außendienstlich […] stets einwandfrei“106 war, konnte er nicht einfach entlassen werden. Diese Situation änderte sich allerdings 1937 mit der Anstellung von Theodor Lenk. Er war nicht nur der Bruder des damaligen sächsischen Wirtschaftsministers, sondern auch Leiter der NSDAP-Ortsgruppe Mitte. Von nun an gingen ständig Beschwerden bei dem Personaldezernenten Hartmann ein, wonach in der Stadtbücherei nicht mit „Heil Hitler“ gegrüßt werde und die Mitarbeiter am Besuch der Betriebsappelle im Rathaus gehindert würden. Diese Anzeigen waren zwar nur sehr kleinlich, aber in jener Zeit äußerst gefährlich. Die Situation eskalierte, als Lenk die von Sauer in der Wissenschaftlichen Abteilung untergebrachten Bücher fand. Mithilfe dieser Entdeckung glaubte der Personaldezernent, endlich einen Grund für die Entlassung Sauers gefunden zu haben. Dr. Bruno Sauer schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg dazu: „Der Angriff fiel in sich zusammen, da ich mich auf eine den Herren nicht bekannte Verfügung berufen konnte, welche wissenschaftlichen Bibliotheken die Aufbewahrung dieser Literatur zugestand. Ich mußte es mir aber gefallen lassen, daß ich vom Oberbürgermeister beschimpft wurde und daß mir die Schlüssel zu den sekretierten Beständen abgenommen […] wurde.“107 Am 27. Januar 1938 musste der Oberbürgermeister dem Büchereileiter bestätigen, dass er nicht gegen die Verordnung der Ablieferung schädlichen und nicht erwünschten Schrifttums gehandelt hatte, obwohl an seiner nationalsozialistischen Überzeugung nach wie vor Zweifel bestanden.108 Im Jahr 1937 war keiner der Personen mehr angestellt, die vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in der Bibliothek tätig gewesen waren. Nach der Einberufung von Dr. Sauer erwies sich die im selben Jahr eingestellte Bibliothekarin Charlotte Mühlig als resolute und kundige Leiterin des Hauses.

In den Akten befinden sich Aufzeichnungen, die Ende 1944 einen Vorfall belegen, der die Haltung der Stadtverwaltung gegenüber der Bibliothek und ihren Angestellten deutlich machte: Am 30. Oktober des genannten Jahres schrieb Charlotte Mühlig an den neuen Leiter der Abteilung Stadtbüchereisachen, Dr. Klett, dass in der Bücherei keine Kritik geübt wurde, die eine Strafe verdiene. Weiterhin brachte sie zu Papier, dass sie sich kaum noch an den Vorfall erinnern könnte, zu dem Dr. Klett Rechenschaft verlange, biete aber ihre Entschuldigung an. Der Abteilungsleiter ließ die Angelegenheit jedoch nicht auf sich beruhen, sondern klagte das ungehorsame Verhalten der Bibliothekarin beim Personalamt und auch beim Oberbürgermeister an. Erst in einem Schreiben an Letzteren wurde das scheinbare Verbrechern von Charlotte Mühlig aktenkundig. Am 28. Oktober hatte Dr. Klett die Räume der Bibliothek besichtigt. Um dort seiner Dienstaufsichtspflicht nachzukommen, war er hinter jedem Mitarbeiter stehen geblieben und hatte dessen Arbeit beobachtet. Von Frau Mühlig darauf hingewiesen, dass dieses Verhalten die Mitarbeiter verunsichere und ängstigte, wollte Dr. Klett wissen, wer sich beschwert habe. Trotz mehrmaliger Aufforderung weigerte sie sich, den betreffenden Mitarbeiter „anzuschwärzen“. „Vielleicht sei es krankhaft bei ihr, aber sie könne nicht. […] [A]ber ich nehme auch dem Vorgesetzten gegenüber das Recht für mich in Anspruch, vor mir selbst als anständiger Mensch dazustehen. Ist das Ungehorsam?“110 Vier Jahre später – im November 1944 verfügte das Personalamt die Bestrafung von Frau Mühlig wegen Verletzung der Gehorsamspflicht und Widerspenstigkeit. Der gesamte Vorgang hätte für Frau Mühlig und Dr. Hopf – er war der von ihr geschützte Mitarbeiter – sehr negativ ausgehen können. Das Ende der nationalsozialistischen Diktatur verhinderte dies aber.

Noch einmal zurück zu Dr. Bruno Sauer. Die Gesamtsituation, in der sich die Bibliothek in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft befand, macht die Leistungen von Dr. Sauer umso bedeutender. Er hatte bis 1938 mithilfe von erwerbslosen wissenschaftlichen Hilfsarbeitern in zwei Katalogen mit je 12.000 Nachweisen vogtländische Veröffentlichungen gesammelt. Die Kataloge waren und sind auch heute noch im Lesesaal der Wissenschaftlichen Abteilung einsehbar. Von 1936 bis 1939 erfolgte die regelmäßige Veröffentlichung der Resultate dieser Arbeit in drei Bänden des Vogtländischen Schriftenweisers. Publikationen, die sich nicht im Bestand der Bibliothek befanden, konnten mittels des Reichsleihverkehr bestellt werden. Sauer legte mit dieser wissenschaftlichen Leistung, die bis heute vielfach Anerkennung gefunden hat, den Grundstein für eine vogtländische Bibliografie.

Auch das Verhältnis von Bücherei und Leser war nach der Machtübernahme 1933 nicht vor Veränderungen gefeit. Durch ein Leben, das bestimmt war durch Beschränkungen, Verboten und Bespitzelung, entwickelten sich neue Bedürfnisse, die immer mehr Menschen in die Bücherei brachten. Eine bereits 1932 in der Reißiger Straße eingerichtete Lesehalle für Erwerbslose mit circa 200 aktuellen Büchern und Zeitungen war auch in den folgenden Jahren kostenlos geöffnet.

Die Jugendlesehalle, die man 1932 im städtischen Jugendheim Schulberg 4 eingerichtet hatte, allerdings musste geschlossen und dem Kampfbund für deutsche Kultur überlassen werden.112 Die jüdische Leserschaft wurde erst nach einer Anzeige im Jahr 1938 durch den bei der Denunziation Dr. Sauers bereits genannten Theodor Lenk von der Benutzung der Bibliothek ausgeschlossen. Die der Staatsdoktrin entsprechende Umstellung vom Individualleser auf das Gruppenerlebnis konnte sich trotz mehrerer Ansätze kaum durchsetzten. Auch die Arbeitsgemeinschaft des BDM, die sich mit Büchern befasste, hatte keinen Bestand.113 Die in den Arbeitslagern und Lazaretten eingerichteten Büchereien wurden nicht in Zirkeln gelesen. Das Medium Buch war und blieb individuelles Erlebnis.

1938-1945
Ab 1938 begann eine neue Phase in der Entwicklung des Bibliothekswesens.114 Die Zeit der Umstürze, Neuorientierungen, der großen Reden und schwungvollen Entwürfe war vorbei. 1937 wurden vom Reichministerium die „Richtlinien für das Büchereiwesen“ herausgegeben.115 Sie regelten die Kompetenzen und das Zusammenwirken von Gemeinden und Büchereien. Die Bibliotheken waren über die kommunale Selbstverwaltung hinaus in den planerischen Gesamtzusammenhang des Reiches eingebettet. Dies erhöhte nicht nur den Stellenwert der Büchereien, sondern schaffte auch eine gewisse Entwicklungssicherheit, jedoch verloren sie fast allen Handlungsspielraum. Dr. Sauer nutze die Phase der relativen Festigung geschickt und legte anlässlich des 40. Jahrestages der Bibliothek am 07. Januar 1939 der Stadt Plauen ein neues Konzept zum Ausbau der Bücherei vor. Darin unterstrich er die Bedeutung der Volksbücherei, griff aber ebenfalls das Weimarer Bildungsideal auf: „Unter den Kultureinrichtungen des Dritten Reiches stehen die öffentlichen Büchereien mit an erster Stelle. Wenn diese Tatsache noch nicht so in die allgemeine Vorstellung eingegangen ist, wie es bei Theater der Fall ist, so liegt das daran, daß ihnen noch häufig der auch nach außen wirksame repräsentative Charakter fehlt. […] Die deutsche Bücherei […] ist in der Tat neben der Schule die allgemeinste gemeindliche Bildungseinrichtung, und das sichert ihr zunächst den eingangs behaupteten Rang. […] Damit ist nicht gesagt, daß sie nur politische Bücher im Sinne enthält. […] Hier befindet sich vielmehr eine Auswahl des besten Schrifttums […], das einfache unterhaltende Buch gleichermaßen wie das wissenschaftlich belehrende, sofern es nur aus echtem Gefühl und künstlerischer Verantwortung heraus und sprachlich sauber geschrieben ist.“116 Dr. Sauer legte dar, dass die Stadtbücherei ein Netz von Zweigstellen aufbauen müsse, um wirksam arbeiten zu können und auch die Hauptstelle brauche mehr Platz. Am 12. März 1939 erschien im „Jubelblatt“ des Vogtländischen Anzeigers, das man anlässlich seines 150-jährigen Bestehens herausbrachte, ein Artikel über die Bibliothek, in dem diese als eine „kulturpolitische Mittlerstelle erster Ordnung, die in gleicher Weise der Gemeinde wie dem Staat und der Partei dient“117 dargestellt wurde. Analog zur wachsenden Bedeutung der Bücherei wuchs auch deren Buchanschaffungsetat von 1938 5.000 auf 1941 11.000 Mark.

Im Februar 1939 verließ die Bücherei ihr Domizil am Theater und zog in das ehemalige Handelsschulgebäude in der Melanchthonstraße 1.

Melanchthonstraße 1

Im Erdgeschoss des Hauses wurden die Ausleihe, der Lesesaal, die Verwaltungsräume und der Hauptbücherspeicher eingerichtet. Des weiteren konnte die Bibliothek zwei Räume im Kellergeschoss, sowie einen im 1. und drei im 3. Obergeschoss als Speicherräume nutzen. Die restlichen Räumlichkeiten beherbergten das städtische Gesundheitsamt. Obwohl nun die drückendste Platznot behoben war, bereitete die Streulage der zur Bibliothek gehörenden Räume Schwierigkeiten. Die weiterführenden Pläne Dr. Sauers, wie beispielsweise die Trennung der Volksbüchereiausleihe von der wissenschaftlichen, die Einrichtung eines Zeitungslesesaales und eines Jugendlesezimmers, konnten nicht verwirklicht werden.118 Mit dem Umzug in die Melanchthonstraße waren auch der Ausbau der Jugendbücherei, der Musikalienbücherei und die Einrichtung von Zweigstellen geplant. Zu diesem Zweck, aber sicher auch, um der Richtlinie des Reichserziehungsministeriums für das Volksbüchereiwesen zu entsprechen, bewilligte der Oberbürgermeister auf eine Bitte der Bücherei hin, Sondermittel.119 Die Öffnungszeiten wurden abermals verlängert und der Nutzungsdrang, der seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten stetig zurückgegangen war, stieg wieder an.

Die kühnen Träume, die die Verwirklichung der bereits 1927/28 unter damals anderen Bedingungen formulierten Zielen nun in greifbare Nähe rückten, zerplatzten jäh mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges im Jahr 1939. Büchereileiter Dr. Sauer wurde bereits im August desselben Jahres eingezogen – möglicherweise als Folge der vorangegangenen Auseinandersetzungen mit dem Leiter des Personaldezernats. Wie bereits erwähnt, übernahm die Bibliothekarin Charlotte Mühlig seine Vertretung. Mit Beginn des Krieges stieg die Benutzung der Bücherei stark an. Der ersten Freude über die verstärkte Nutzung der Bibliothek stand eine baldige Ernüchterung gegenüber. Bereits ein Jahr später waren die Ausleihziffern 26% höher als im Vorjahr und lagen 46% über denen von 1938. Weder Bücher noch Personal konnten diesem Ansturm lange standhalten. Mache Werke waren gar bis zu 36mal vorgemerkt. Das bedeutete bei einer Ausleihzeit von jeweils vier Wochen würde der letzte Leser das gewünschte Buch erst drei Jahre später erhalten. Bereits im Jahr 1941 erwiesen sich die Räumlichkeiten in der Melanchthonstraße als zu klein und eng. Als Charlotte Mühlig von der NS-Tageszeitung über die Lesebedürfnisse der Arbeiter und Soldaten befragt wurde, gab sie zur Antwort, dass mehr als die Hälfte aller ausgeliehenen Bände Romane seien und Erzählungen. Die streng wissenschaftliche Literatur werde dagegen nur zu einem sehr geringen Anteil von 6% verlangt. Volkstümlich-wissenschaftliche Werke liehen vor allem Soldaten aus, die sich in ihrem Beruf weiterbilden wollten.120

Am 28. September 1944 gab Mühlig einen Bericht über die Stadtbibliothek an Bürgermeister Dr. Klett, der Leiter der Abteilung Büchereisachen der Stadt Plauen war, ab.121 Aus diesem sind wichtige Informationen bezüglich der damaligen Situation der Bibliothek zu entnehmen. Nach der Schließung der Buchläden boten einzig noch die Büchereien die Möglichkeit, an Lesestoff und vor allem Informationen zu gelangen. Die Arbeit in der Bibliothek war seit Kriegsbeginn von einem zermürbenden Kampf um Finanzmittel gekennzeichnet. Im vierten Jahr des Krieges konnten in der Einrichtung, in der insgesamt 16 Personen angestellt waren, kaum noch neue Bücher angeschafft oder verschlissene ersetzt werden. Das Krankenhaus, die Soldaten und die Lazarette wurden derweil extra mit Büchern versorgt. Außerdem organisierte die Bibliothek seit 1939 einmal im Jahr die sogenannte Alfred-Rosenberg-Spende. Bei dieser sicherte das Personal von Privatpersonen möglichst mit einer Widmung gespendete Bücher und packte diese zu je 100 Stück in Kisten, die für die Front bestimmt waren. Nur wenig gespendet wurden politische Bücher, „da sich die Bürger davon wohl nicht trennen wollen.“122 Aus diesem Grund stellte die Plauener Ortsgruppe der NSDAP 25mal Hitlers „Mein Kampf“. Ab 1944 begann wegen der bedrohlichen Kriegslage mit der Sicherstellung und Auslagerung des wertvollen Buchbestandes, besonders aus der Wissenschaftlichen Abteilung. Bis zum 21. Juni desselben Jahres konnten 15.000 Bände außerhalb der Stadt Plauen gesichert werden.123

Nach dem Jahreswechsel von 1944/45 wurde es zunehmend schwieriger, zumindest den Notbetrieb aufrechterhalten zu können. Die Büchereimitarbeiter wurden nun zu anderen Arbeiten in der Verwaltung herangezogen und Frau Eva Sauer half wieder in der Bibliothek aus. Charlotte Mühlig organisierte derweil energisch zu verrichtende Arbeit. Als der Bürgermeister befahl, entsprechend der Anordnung des Reichsverteidigungsministeriums vom 29. Dezember 1944, alle Dienststellen des Rathauses bereits um 16.30 Uhr zu schließen, weigerte sich die Leiterin der Bücherei, dem Folge zu leisten. Wegen dieser Auflehnung gegen ihre vorgesetzt Dienststelle gerügt, verteidigte sie sich mit folgenden Worten: „Ich will auch die Stadtbücherei ebenso wie die Dienststellen, die für die schaffenden Volksgenossen zur Befriedigung unabweisbarer Lebensbedürfnisse abweichend von der Normalarbeitszeit geöffnet sind, behandelt wissen.“124 Offensichtlich hatte sie dieses auch erreicht. In der Bibliothek konnte noch bis nach dem 8. Mai 1945 gearbeitet werden.

 

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80 Thauer 1990, S. 153
81 Jochum 1993, S. 168
82 Deutsche Büchereien 1943
83 Dahm 1979, S. 46
84 Friedrich 1984, S. 151
85 Schmitz 1984, S. 156

86 Frisch auf: Heimatblatt des Vogtlandes. Hrsg. vom Verband
vogtländischer Gebirgsvereine, 5 (1939), Plauen 1939, S. 3
87 Naumann 1996, S.7; Anspruch und Wirklichkeit klaffen da
weit auseinander
88 Boese 1987, S. 27
89 Ebd., S. 34
90 Ebd., S. 103
91 Ebd., S. 223
92 BuB 13 (1933), S. 97f.

93 Verwaltungsbericht 1931-1933, S. 272

94 Der Boersenverein veröffentlichte zwar am 16.05.1933 eine
Liste des Volksbibliothekars Dr. Herrmann, musste aber den
amtlichen Charakter der Liste widerrufen (vgl. Dahm 1979, S.
188). Ab 1936 veröffentlichte die Reichsschrifttumskammer
Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums, die sich
zum Teil selbst widersprachen (vgl. Boese 1987, S. 238).
95 Akte 23, Blatt 1, 14
96 Verwaltungsbericht 1931-1933, S.272
97 Vgl. Verdunklung hat gute Seiten: die Stadtbücherei berichtet.
In: NS-Tageszeitung, 241, 16.10.1939;
25mal "Mein Kampf". In: Ebd., S. 297, 20.12.1939
98 Boese 1987, S. 237
99 Boese 1983, S. 281
100 Boese 1987, S. 65
101 Akte 30, Bl. 37ff.
102 Ebd., Bl. 48ff.
103 Ebd., Bl. 87
104 Die Information darüber verdanke ich dem Sohn Bruno
Sauers, der notariell beglaubigte Auszüge aus der Personalakte
seines Vaters zur Verfügung stellte. Teile des Nachlasses Dr.
Sauers bewahrt die Wissenschaftliche Abteilung der jetzigen
Vogtlandbibliothek Plauen.
105 Nachlass Sauer
106 Ebd.
107 Ebd.
108 Ebd.
109 Akte 30, Bl. 240ff.
110 Ebd., Bl. 242, 246
111 Sauer, 1936, S. 3, Freiwilliger Arbeitsdienst, Notopfer des
Landesverbandes Sachsen der höheren Beamten,
Wissenschaftliche Akademikerhilfe, Deutsche
Forschungsgemeinschaft
112 Akte 4, Bl. 201
113 NS-Tageszeitung, 269, 15.10.1940
114 Boese 1987, S. 151
115 Ebd., S. 117

116 Sauer Bruno: Die Plauener Stadtbücherei im Rahmen der
Nationalsozialistischen Kulturpolitik, Ms
117 Sauer 1939
118 Ebd.
119 Akten Vogtlandbibliothek, n.p.
120 Plauens Lebensbedürfnis stieg bedeutend. In:
NS-Tageszeitung, 255, 30.10.1942
121 Akten Vogtlandbibliothek, n.p.
122 25mal "Mein Kampf". In: NS-Tageszeitung, 297, 20.12.1939
123 Akte 22, Bl. 92ff.
124 Akte 30, Bl. 221

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