Kapitel 3

Kapitel 3
Unter hauptamtlicher Leitung
1927 - 1933

Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ brachten der Stadt Plauen mit ihrer immer noch daniederliegenden Textilindustrie zwar gewisse Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage, jedoch keinen hoffnungsvollen Aufstieg.52 Trotz der schwierigen Situation entschied man sich für eine durchgreifende Neugestaltung der Stadtbibliothek.

Diesem Vorhaben kam zugute, dass die geplanten Veränderungen von kommunaler Seite eine ebenso starke Förderung erfuhren, wie Jahre zuvor die Gründung der Bibliothek. Seit 1925 war Stadtrat Johannes Kötz Vorstand des Amtes für Archiv- und Büchereiwesen. Zudem war er für das Gewerbe- und Kaufmannsgericht, das Schulamt, das Versicherungsamt, die Verwaltungspolizei und das Pflegeamt für sittlich Gefährdete verantwortlich.53 Während seiner Amtszeit entwickelte sich die Plauener Bücherei zu einer zeitgemäßen Öffentlichen Bibliothek. Einer der Hauptgründe für diese positive Entwicklung war die Verpflichtung eines fähigen hauptamtlichen Leiters. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass Kötz einen Briefwechsel zu Walter Hofmann in Leipzig unterhielt. Er beweist, dass sich Johannes Kötz durchaus des „Richtungsstreits“ im Bibliothekswesen bewusst war.54 Seine spätere Personalpolitik zeigt, dass seine Neigung der Stettiner Richtung galt.55

Dr. phil. Bruno Sauer
(7.9.1900 - 8.11.1980)

Am 1. Juli 1927 begann Dr. Bruno Sauer seine Tätigkeit als neuer Leiter der Stadtbibliothek Plauen. Er hatte zuvor fünf Jahre an der Stettiner Stadtbücherei als wissenschaftliche Hilfskraft gearbeitet. In einer Denkschrift vom Februar 1928 zum Ausbau der Bibliothek bekannte sich Sauer zur weiteren Entwicklung der Plauener Bücherei im Wesentlichen nach den Vorstellungen Erwin Ackerknechts aus Stettin. Er berief sich aber auch auf den Leipziger Walter Hofmann.56 Diese Praxis entsprach einer Tendenz der Volksbibliothekare jener Zeit, sich ohne Rücksicht auf eine bestimmte Richtung im eigenen Bereich eigenständig zu verhalten und sich ganz auf die Leser der Öffentlichen Bücherei einzustellen.57 Der Ausschuss für Kunst und Wissenschaft stimmte auf Vorschlag seines Vorsitzenden Stadtrat Johannes Kötz, dem Ausbau der Bibliothek nach den Richtlinien der Denkschrift zu und gab damit dem neuen Leiter weitgehend freie Hand.58

Theaterstraße 1 ehemaliges Theaterkaffee

Die Veränderungen, die die Bibliothek, die sich nunmehr Stadtbücherei nannte, erfuhr waren gravierend. Zeitgleich mit dem Amtsantritt von Dr. Bruno Sauer zog die Bücherei in das Gebäude der ehemaligen Theaterwirtschaft am Tunnel – dem zentralsten Platz der Stadt. Die Räumlichkeiten standen zu ihrer alleinigen Nutzung.

um 1930 - Buchausgabe in der Theaterstraße 1

Der neue Leiter der Bibliothek war sehr engagiert und ständig auf der Suche, wie man die Bibliothek weiter verbessern konnte. Zuvorderst bemängelte er die bisherige Organisation der Ausleihe. Sie wurde seit der Entlassung der beiden nebenamtlichen Bibliothekare von vier Schülern betreut. Sauer forderte die Einstellung von zwei Ganztagskräften.59 Mittels einer Ausschreibung sollten die neu geschaffenen Stellen besetzt werden. Bis dies aber geschehen konnte, empfahl Sauer die Einstellung seiner Frau Eva, geborne Dischler. Sie hatte 1924 in Stettin ihre Diplomprüfung für den Bibliotheksdienst abgelegt. Bereits am 29. August 1927 erhielt sie eine Anstellung.60 Auf die Ausschreibung, die derweil in allen bibliothekarischen Fachblättern veröffentlich wurde, bewarben sich zwölf ausgebildete Bibliothekarinnen. Eine der Stellen wurde, nach dem Einholen einer Empfehlung von der Universitätsbibliothek Leipzig, mit Ursula Schüffner besetzt, die andere erhielt die Tochter des Plauener Bürgermeisters Vetters.61 Das Personal der Stadtbibliothek setzte sich im Jahre 1928 aus einem Leiter, drei Büchereiassistentinnen, zwei Gehilfin, einen Hausmeister, eine Garderobenfrau.62

In den folgenden Jahren leistete die Bibliothek unter der Leitung von Dr. Bruno Sauer Hervorragendes. Bis zum Juli 1930 wurden 18.000 Bände, davon 8.500 Neuerwerbungen bibliothekarisch bearbeitet. Einige Tausend Bände wurden ausgeschieden und nahmen ihren Weg ins Altpapier. 14.500 Katalogzettel und ein Gesamtverzeichnis verließen die Schreibmaschinen, vier Auswahlverzeichnisse erschienen im Druck.

Der Bestand erhielt durch die Prägung des neuen Leiters eine völlig neue Gewichtung. Neben der wissenschaftlichen und der regionalen, etablierte sich nun auch die Schöne Literatur. In einer Rede, anlässlich der Wiedereröffnung der Bücherei am 21. Januar 1928 in den Räumlichkeiten der ehemaligen Theaterwirtschaft, erläuterte Sauer seine Bibliothekspolitik der sogenannten „Zweigeteilten Einheitsbücherei“, die zum Einen aus den vorgefundenen Möglichkeiten und zum Anderen aus den Bedürfnissen der Leser resultierte.63 Ein Teil der Bibliothek sollte eine wissenschaftliche Abteilung mit vorzugsweise gepflegtem heimatkundlichen Bestand beherbergen und sich nach und nach sollte zu einer Vogtlandbücherei entwickeln. Der andere Teil sollte eine nach neuzeitlichen bildungspflegerischen Gesichtspunkten verwaltete Volksbücherei werden. Die beiden Abteilungen verfügten über einen gemeinsamen Lesesaal sowie eine gemeinschaftliche Ausleihe. Auf Letztere legte Dr. Bruno Sauer, neben der Bereitstellung und Erschließung von Literatur, ebenfalls großen Wert. Er schrieb in einem Brief an das Rechnungsamt der Stadt, in dem er die Einführung von Gebühren als notwendig forderte: „Von einer reibungslosen Erledigung der Ausleihe hängt der Erfolg der Büchereiarbeit zu gutem Teil ab. […] Dazu gehört, daß der Leser so rasch wie möglich die gewünschten Bücher erhält und so wenig wie möglich durch Formalitäten aufgehalten wird.“64 Auch die Öffnungszeiten der Bibliothek wurden im Zuge dessen beträchtlich erweitert. So stand die Buchausleihe den Benutzern montags bis freitags von 17 Uhr bis 19 Uhr und samstags von 11 Uhr bis 13 Uhr zur Verfügung. Der Lesesaal konnte an den Wochentagen von 16 Uhr bis 19 Uhr beziehungsweise zweimal bis 22 Uhr benutzt werden.65

 

um 1930 - Lesesaal in der Theaterstraße 1

Im Jahr 1930 erweiterte die Bibliothek ihre Öffnungszeiten noch einmal.66 Zwei Jahre zuvor war im Februar eine neue Benutzerordnung in Kraft getreten, die ab diesem Zeitpunkt den Ausleihbetrieb regelte. Die Anmeldung kostete nunmehr 75 Pfennige und die Ausleihe von zehn Büchern noch einmal so viel. Manchen Benutzergruppen, wie beispielsweise Erwerbslosen, wurden Ermäßigungen zugestanden. Nicht-Plauener zahlten dagegen doppelt so hohe Gebühren. Die Nutzung des Lesesaals war für alle kostenlos. Bücher, die in der Bibliothek nicht vorhanden waren, konnten im Rahmen des deutschen Leihverkehrs von anderen Büchereien bestellt und so bereitgestellt werden.

Wie bereits erwähnt etablierte Dr. Bruno Sauer neben dem Bestand an Fachbüchern, Bibliografien und Zeitschriften eine bis dahin vernachlässigte Bestandsgruppe: die Schöne Literatur. Sie wurde vor allem mittels Auswahlbibliografien erschlossen. Dr. Sauer popularisierte die neue Bestandsgruppe unter den Nutzern durch wöchentlich wechselnde Ausstellungen. Noch heute ist eine Ausstellung zeitgenössischer vogtländischer Künstlerinnen als besonders bemerkenswert hervorzuheben. Diese Maßnahmen dienten auch dazu, den zeitgemäßen Aufgaben einer Volksbücherei als allgemein öffentliche Bildungsanstalt gerecht zu werden. Unter dem Terminus Bildung verstand Sauer nicht „die Anhäufung von Wissensstoff, sondern vielmehr das lebendige Verhältnis des Einzelnen zur Kultur, die Fähigkeit und Bereitschaft zur schöpferischen Aufnahme geistig-seelischer Werte.“67

Um als dies zu fördern, sollte nicht eine möglichst große Menge wahllos in Umlauf gebracht, sondern erzieherisch auf den Leser eingewirkt werden. Sauer formulierte über die Aufgaben der Plauener Bücherei: „Ihre Arbeit ist nicht dem Buche, sondern dem Menschen gewidmet. Sie ist erzieherisch nicht durch schulmeisterliche Bevormundung der Leser, sondern durch ihre sichtende Auswahl des bildungspfleglich wertvollen Schrifttums, sei es nun wissenschaftliche belehrender oder schöngeistiger Art, und durch ihr Bemühen, mittels persönlicher Beratung oder besonders führender Bücherverzeichnisse […] jedem Leser zu dem Buch zu verhelfen, das er oft, ohne es klar zu wissen, sucht, das ihn anregt oder seelisch bereichert, kurz, das ihn fördert.“68 Kennzeichnend für die Stettiner Bibliotheksschule um Erwin Ackerknecht spricht sich Sauer einerseits für eine pädagogische Einwirkung auf den Leser aus, andererseits gesteht er ihm aber auch freie Auswahl im Bestand der Bibliothek zu und bekennt sich somit zur Bedarfsorientierung. Der Leser sollte sich möglichst von anspruchsloseren Veröffentlichungen zu qualitativen Büchern empor lesen. Sauer sag den Volksbücheranteil der Plauener Bibliothek nie als bloße Wohlfahrts- oder auch Aufklärungs-, sondern als Volksbildungseinrichtung an.

Typisch für die Stettiner Bibliotheksschule um Erwin Ackerknecht spricht sich Sauer zwar für eine pädagogische Einwirkung auf den Leser aus, gesteht ihm aber auch freie Auswahl im Bestand der Bibliothek zu und bekennt sich zur Bedarfsorientierung. Der Leser sollte sich von anspruchslosen Veröffentlichungen zu qualitätsvollen Büchern "hochlesen". Sauer sah den Volksbüchereiteil der Plauener Bibliothek nie als bloße Wohlfahrtseinrichtung oder nur als Aufklärungseinrichtung, sondern als Volksbildungseinrichtung an.

Die Statistik der Ausleihe gab der neuen Ausrichtung der Bibliothek recht: 57,66% der Bücher, die im ersten Jahr nach der Neueröffnung ausgeliehenen wurden, gehörten zur Schönen Literatur, 7279 Personen nutzten den Lesesaal. Auch das erklärte Ziel der Bücherei, mehr Arbeiter an ihre Bestände zu locken, begann sich zu verwirklichen. 1928 waren 25% der eingetragenen Leser Arbeiter/rinnen und Lehrlinge. Noch deutlicher sind diese Tendenzen in den Ausleihzahlen des Jahres 1930 erkennbar: 60,1% der ausgeliehenen Bücher zählten zur Belletristik, der Anteil der Arbeiter/rinnen und Lehrlinge, die Bücher entliehen, war auf 30% gestiegen. Im Tagesdurchschnitt liehen 84 Leser 135 Bände aus, am arbeitsreichsten Tag nahmen 236 Leser 444 Bücher aus der Bibliothek mit. Der Lesesaal wurde täglich von durchschnittlich 54 Personen genutzt. Insgesamt stiegen die Ausleihzahlen gegenüber der Zeit vor der hauptamtlichen Leitung auf circa 400%.69

Die Neukonzeption der Bücherei und deren Umorientierung hatten Früchte getragen. Dies ist, um so höher zu bewerten, da ab 1928 Anmelde- und Nutzungsgebühren eingeführt wurden. Zudem durften nur noch zwei Bücher, davon nur ein Roman, gleichzeitig ausgeliehen werden. Die Erfolge der Bibliothek in relativer kurzer Zeit sind vor allem der kompromisslosen und außerordentlich kundigen Arbeit Dr. Bruno Sauers und dessen Rückhalt bei der Stadt Plauen zuzuschreiben. Sauer betrieb für die Popularisierung der Bücherei und die Durchsetzung seiner Ziele eine vielgestaltige Öffentlichkeitsarbeit. Artikel rund um die Bücherei erschienen in fast allen regionalen Publikationen jener Zeit. Sogar das Adressbuch von 1929 enthielt Bücherverzeichnisse und die Benutzungsordnung der Stadtbibliothek. Die Bücherei nutzte derweilen ihre eigenen Möglichkeiten, indem häufig wechselnden Ausstellungen und verschiedenste thematische Vorträge organisiert wurden. Seit dem Jahr 1931 erschien zudem neben den gedruckten Bücherverzeichnissen und regelmäßigen Auswahllisten eine Bibliothekszeitung.

Als am schwarzen Freitag, im Oktober 1929, die Weltwirtschaftskrise begann, geriet die Öffentliche Bibliothek, die gerade dabei gewesen war, sich zu etablieren, in eine fatale Lage.70 Die Plauener Bücherei hatte nur zwei Jahre lang Zeit gehabt, sich neu auszurichten und zu entwickeln, um die folgenden schweren Zeiten zu überstehen. An den von Sauer geplanten Ausbau zu einer Vogtlandbücherei war nun nicht mehr zu denken. Aber auch so bewiesen die starke Nutzung und erfreuliche Schenkungen die Akzeptanz der neu organisierten Einrichtung bei der Plauener Bevölkerung.71 Für die Bücherei galt es nun aus dem bis zu jenem tragischen Zeitpunkt erreichte, das Beste zu machen.

Die wirtschaftliche Situation in Plauen hatte sich nach dem tiefen Einbruch vom Ende des 1. Weltkrieges bis nach dem Abflauen der Inflation im Jahr 1923 nie wieder richtig erholen können. Während die „Goldenen Zwanziger“ in anderen Regionen Deutschlands eine Zeit der Stabilisierung und des kulturellen Aufschwungs bedeuteten, konnte sich die immer noch hauptsächlich von der Textilindustrie geprägte Plauener Wirtschaft nicht konsolidieren. Die vor dem 1. Weltkrieg hohe Bezahlung der Sticker war mittlerweile auf einen Hungerlohn geschrumpft. Etliche waren arbeitslos. Anderen Textilarbeitern, ganz zu schweigen von den vielen Heimarbeitern, ging es noch schlechter.72 „Die Jahre 1931 und 1932 waren Notjahre ohnegleichen seit der Inflation. Zusammenbrüche, Betriebseinschränkungen und Stillegungen, Kurzarbeit und zunehmende Arbeitsentlassungen waren alltägliche Erscheinungen. […] [Die] Steuereingänge gingen erschreckend zurück. Die Verschuldung der öffentlichen Hand nahm immer bedenklichere Ausmaße an. Kapital- und Arbeitsnot gaben dem öffentlichen Leben das Gepräge.“73 Die Stadt Plauen musste 1931 und 32 mit einem Nothaushalt zur Aufrechterhaltung lebensnotwendiger Funktionen arbeiten. Mit dieser kritischen Situation ging eine politische Radikalisierung einher.74

Die katastrophale Finanzsituation, in der die Stadt während der Jahre der Weltwirtschaftskrise steckte, wirkte sich natürlich auch auf die Bibliothek aus. Trotz allem gelang es Dr. Sauer, wahrscheinlich dank seiner hervorragenden fachlichen Arbeit und seiner sachlichen Beziehungen zum Ausschuss für Archiv- und Bibliothekswesen, die einschneidendsten Kürzungen zu verhindern. Die Bücherei wurde bis Ende 1932 verstärkt von der Bevölkerung genutzt. Sauer erklärte dies mit den Worten: „Die Erweiterung des Lesekreises, welche die Verwaltung durch Werbemaßnahmen der verschiedensten Art erstrebte, wurde durch die Zeitverhältnisse unterstützt. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage zwang und zwingt immer weitere Kreise, die ihren Bücherbedarf durch Kauf nicht mehr zu decken vermögen, zur Bücherei; vor allem aber die immer größer werdende Arbeitslosigkeit, die wieder andere Schichten nach dem Buch greifen läßt, sei es, daß sie darin Ablenkung von ihrer Not oder die Möglichkeit zur beruflichen oder geistig-seelischen Weiterbildung suchen.“75 In Folge war auch der Lesesaal, dessen Heizung Dr. Sauer der Stadt abgerungen hatte, fast ständig überfüllt. 43,4% der Neuanmeldungen des Jahres 1930/31 beantragten Gebührenermäßigung oder –erlass. Die Bibliothek, der Bestand derselben, sowie die Mitarbeiter waren durch die starke Nutzung der Bücherei und die fehlenden Finanzmittel für eine Aufstockung an die Grenzen ihrer Belastbarkeit getrieben wurden. Entsprechend der Ausleihsteigerung nahmen auch alle damit zusammenhängenden Arbeiten, wie etwa Verbuchung, Buchpflege, Statistik, Bucheinstellen und Mahnverfahren, an Umfang zu. Für die immer weitere Kreise einbeziehende Leserschaft fehlte es zunehmend an neuen Büchern, und zerschlissene Exemplare konnten nicht ersetzt werden. Die innerbibliothekarischen Aufgaben, besonders die Verzeichnung der Bestände litten unter dem Personalmangel. Frau Eva Sauer gab 1930 ihre Tätigkeit auf, um einer anderen Bibliothekarin die Chance auf eine Anstellung in der Plauener Bücherei einzuräumen. Für die Neubesetzung der Stelle bewarben sich 47 Bibliothekarinnen aus ganz Deutschland. Aus den Bewerbern wählte Dr. Bruno Sauer drei Anwärterinnen, die ein Diplom für den mittleren Bibliotheksdienst vorweisen konnten, für die Entscheidung des Ausschusses für Kunst und Wissenschaft aus. Wegen der Finanzlage Plauens verweigerte Stadtrat Kötz zunächst die Neueinstellung, beugte sich dann letztendlich aber doch den Argumenten Dr. Sauers.76

Aus den Bewerbern wählte der Leiter der Bibliothek drei mit Diplom für den mittleren Bibliotheksdienst versehene Anwärterinnen für die Entscheidung des Ausschusses für Kunst und Wissenschaft aus. Wegen der Finanzlage der Stadt verweigerte Stadtrat Kötz zunächst die Neueinstellung, beugte sich dann aber doch den Argumenten Dr. Sauers.

Auch eine weitere Einschränkung, die den Bestand der Bücherei betraf, konnte ihr Leiter verhindern. Am 04. November 1932 empfahl der Plauener Bürgermeister Dr. Schlotte, der bis 1925 selbst Vorsitzender des Bibliotheksausschusses gewesen war, den Abbau der Schönen Literatur, da acht Privatleihbibliotheken in der Stadt vorhanden seien. Dagegen sollte die wissenschaftliche Bibliothek erweitert, aber auch Personal abgebaut werden.77 In einem drei Seiten umfassenden Brief argumentierte Dr. Sauer gegen diesen Vorschlag, der eine Rückkehr zu den seit zwei Jahren überwundenen Zuständen bedeutet hätte. So führte er an, dass der Bestand einer Privatbibliothek nicht vorhersehbar und die Privatleihe für viele Erwerbslose unerschwinglich sei. Sauer schrieb eindringlich: „In der heutigen schweren Zeit ist es dringend notwendig, dem Volk auch geistiges Gut zu vermitteln.“78 In einer zweiten Sitzung des Ausschusses für Kunst und Wissenschaft am 5. Dezember 1932 entschied er sich für die Unterstützung der Volksbibliothek mit den möglichen Mitteln, da die Bibliothek von den weitesten Kreisen der Bevölkerung getragen werde.79 Mithilfe von Vorträgen, Artikeln, Auswahlverzeichnissen und thematischen Ausstellungen suchte die Bücherei in diesen schweren Jahren besonders die Zusammenarbeit mit Schulen, kirchlichen Jugendbünden und Vereinen.

Mit Vorträgen, Artikeln, Auswahlverzeichnissen und thematischen Ausstellungen suchte die Bücherei besonders in diesen schweren Jahren die Zusammenarbeit mit Schulen, kirchlichen Jugendbünden und Vereinen.

 

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52 Vgl. Fröhlich 1963, S. 74
53 Vgl. Adreßbuch 1925
54 Richtungsstreit = Auseinandersetzung im Bibliothekswesen besonders der Weimarer Republik zwischen der Leipziger Richtung und deren Vertreter Walter Hofmann und der Stettiner Richtung und deren Exponenten Paul Ladewig und Erwin Ackerknecht. Der von der Öffentlichkeit nicht nachvollziehende und dem Bibliothekswesen sehr schadende Streit drehte sich um folgende Hauptpunkte:

1.)  Auswahl der Schönen Literatur
Differenzierung oder Staffelung Ausleihe nur von klassischen    Werken der Hochkultur oder Notwendigkeit von modernen Autoren und anspruchslosen Büchern, um den Lesern eine Steigerung zu ermöglichen (Hochlesen)

2.)  pädagogische Leserberatung oder benutzerorientierte Arbeit - individualisierte Leserberatung oder Massenausleihe

3.) Technische Literatur als notwendiges Übel im Hintergrund der
Schönen Literatur oder als genauso wichtiges Standbein

4.) Volksbücherei oder Einheitsbücherei (allgemeine städtische Bibliothek)

55 Vgl. Akte 30, Bl. 2, 48
56 Vgl. Akte 1, Bl. 209ff.
57 Vgl. Thauer 1990, S. 131
58 Vgl. Akte 1, Bl. 240
59 Vgl. Akte 1, Bl. 177
60 Vgl. Akte 1, Bl. 191
61 Vgl. Akte 1, Bl. 253
62 Vgl. Verwaltungsbericht 1924-28, S. 393
63 Vgl. Verwaltungsbericht 1924-28, S. 393
64 Akte 4, Bl. 5b
65 Vgl. Adreßbuch 1929
66 Vgl. Bund Plauener Hausfrauen 3 (1930), Nr. 9
67 Sauer 1929, S. 14
68 Ebd., S. 14
69 Vgl. Mitteilungen der Stadtbücherei Plauen 7 (1931)
70 Vgl. Thauer 1990, S. 149
71 Vgl. Verwaltungsbericht 1929-30, S. 176f.
72 Vgl. Fröhlich 1963, S. 74
73 Verwaltungsbericht 1931-33, S. 101
74 Vgl. Naumann 1996, S. 20
75 Verwaltungsbericht 1929-30, S. 176
76 Vgl. Akte 30, Bl. 2f.
77 Vgl. Akte 4, Bl. 193
78 Akte 4, Bl. 163ff.
79 Vgl. Akte 4, Bl. 165

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