Kapitel 1

Kapitel 1
Von der Gründung der Bibliothek

Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert beschlossen die Plauener Stadtväter die Gründung einer Bibliothek. Zu jener Zeit befand sich Plauen in einer Phase des beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwungs.

Das äußere Bild Plauens hatte sich nach dem Stadtbrand von 1844, von dem vor allem der an der Syra gelegene Teil der ummauerten Altstadt betroffen war, völlig verändert. Das Gesicht der Stadt wandte sich nunmehr dem Bahnhof zu, denn nicht nur die Posthalterei und das Deils-Hotel, sondern auch viele andere zogen an die Straßen der neuen Lebensader Plauens. Mit der Bahnlinie Plauen-Hof fand im November 1848 die Bahnstation ihre Eröffnung. Nachdem 1851 der Bau der Göltzsch- und der Elstertalbrücke abgeschlossen wurden war, verband die Eisenbahn auch Plauen mit den Großstädten Leipzig und Nürnberg. In den folgenden Jahren entstanden weitere wichtige infrastrukturelle Einrichtungen, wie beispielsweise das Bezirksgericht (1856), die städtische Gasanstalt (1858), wie auch die Handels- und Gewerbekammer (1861/62). Mithilfe dieser Voraussetzungen konnte sich die seit der Reicheinigung 1871 in Plauen ansässige Textilherstellungsindustrie rasant entwickeln.1 Mit der Entwicklung von Tüll- und Ätzspitze durch einheimische Firmen in den 1880er Jahren konnte sie einen noch stärkeren Aufschwung nehmen. Die Plauener Spitze, die maschinell hergestellt wird, erlangte Weltruf und prägte in den folgenden Jahren die Entwicklung der Stadt auf entscheidende Weise. Auf den Weltausstellungen in Paris (1900), St. Louis (1904) und Turin (1911) konnte die heimische Spitze überzeugen und erhielt einige Preise. Der Export des Erzeugnisses, vor allem in die USA, stieg so enorm an, dass die Stadt im Jahr 1887 Sitz eines Konsulats der Vereinigen Staaten von Amerika wurde. Dieses hatte bis 1917 bestand.2

Begünstigt durch die Textilindustrie entwickelten sich in der Stadt auch nach und nach andere Branchen. Die vogtländische Maschinenfabrik AG (VOMAG) galt beispielsweise um die Jahrhundertwende als der größte Strickmaschinenhersteller der Welt.

Eine derart schnell wachsende Wirtschaft benötigt selbstverständlich auch fähige Fachleute. Diese wurden von der 1877 gegründeten kunstgewerblichen Fachzeichenschule, der späteren staatlichen Kunst- und Fachschule für Textilindustrie, ausgebildet.3 Das Adressbuch aus dem Jahre 1888 belegt 218 Textilfirmen in Plauen. Insgesamt waren in 488 Betriebe 5629 Arbeiter und 7974 Arbeiterinnen beschäftigt.4

Trotz kleiner Krisen entwickelte sich die Stadt in rasantem Tempo. Deutlich wird dies vor allem durch einen Blick auf das Bevölkerungswachstum: Lebten zu Anfang des 19. Jahrhunderts nur 5709 Einwohner in Plauen, hatte die Stadt 1871 schon 23.355 Einwohner. Zur Jahrhundertwende waren es bereits 74.000. Im April 1904 überstieg die Einwohnerzahl die Großstadtmarke und erreichte ihren Höhepunkt 1912 mit 128.014 Einwohnern. Im Jahr 1905 stand Plauen von der Einwohnerzahl her an 39. Stelle aller deutschen Großstädte. Die Größenordnung war vergleichbar mit Städten wie Wiesbaden, Bochum und Krefeld.5

Das rasche Bevölkerungswachstum war überall in der Stadt spürbar. 1888 gab es in Plauen bereits 178 Telefonanschlüsse und 50 Briefkästen, vier Jahre zuvor waren die ersten öffentlichen Bedürfnishäuschen aufgestellt. Im Jahre 1893 begann der Ausbau des Stadtparks und 1894 wurde die erste Straßenbahnstrecke, die den oberen mit dem unteren Bahnhof verband, eröffnet. Ab 1898 erschien neben dem „Vogtländischen Anzeiger“ eine zweite Tageszeitung.

Plauen war nachweislich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine wirtschaftlich prosperierende Stadt. Sie bot ihren Bewohnern nicht nur ein über zehn Kilometer fassendes Straßenbahnnetz an, auf deren Strecken die Bahnen sogar Steigungen bewältigten, die technisch für unmöglich gehalten wurden, sondern auch über 192 Gaststätten, Cafés und Schwankwirtschaften, sowie öffentliche Toiletten und über 219 Vereine. Nur das kulturelle Angebot war noch äußerst provinziell. So gab es kein ständiges Theater, kein Museum und auch keine Bibliothek. Die Zentren der Information und Unterhaltung bildeten derweil Berufsverbände, Vereine, Lesezirkel und die ortsansässigen Buchhandlungen. Eine bereits im Jahre 1839 von Gustav Heubner initiierte Volksbücherei6 war kurz nach der Jahrhundertmitte still eingegangen.7

In jener Zeit der rasanten industriellen Entwicklung, die alle Bereiche des alltäglichen Lebens mit sich riss und umstülpte, wuchs auch das Bedürfnis der Menschen nach Bildung und Weiterbildung. Eine regelrechte „Lesewut“ forderte nach Befriedigung.8 Die Volksbildung wurde zur Existenz- und Schicksalsfrage hochstilisiert. Was zunächst also „nur“ wie eine notwendige Reaktion auf gesellschaftliche Veränderungen erschien, wurde so zu einer Angelegenheit nationaler Selbstbehauptung und die Bildungsfrage beschäftigte fortan auch intensiv die Innen- und Außenpolitik.9 Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert besuchten in Plauen etwa 9402 Schüler 13 Bürger- und Volksschulen und ein königliches Gymnasium. Nach dem Schulabschluss konnten sie die Abgänger an der Königlichen Industrieschule für Textilindustrie, der Stickereifachschule, der Königlichen Baugewerkeschule, der Handelsschule, dem Lehrerseminar, der Friseurfachschule, der gewerblichen Fortbildungsschule oder weiteren Bildungseinrichtungen auf einen Beruf vorbereiten.10

Nachdem die 1840 gegründete Bücherei unrühmlich geschlossen worden war, verstärkte sich unter den Plauener Einwohnern der Ruf nach einer öffentlich zugänglichen Bibliothek. Der Stadtrat sah sich aus diesem Grund mehrfach genötigt, auf die circa 300 Bände umfassende Ratsbücherei hinzuweisen.11 Die städtischen Bildungseinrichtungen, die Handels- und Gewerbekammer und einige Vereine verfügten zudem über eigene Bibliotheken, die jedoch nicht öffentlich zugänglich waren und oft den Bedürfnissen der Menschen nicht genügten.12 Auch die Bücherei des 1870 gegründeten Volksbildungsvereins, deren etwa 5000 Bände im Freimaurerlokal „Zur Pyramide“ (Schustergasse 9) untergebracht waren, konnte diese Lücke nicht schließen. Dazu kam, dass die Bibliothek hauptsächlich auf Spenden angewiesen war und nur geringste Beträge vom Königlich Sächsischem Kultusministerium, der Stadt Plauen und der Vogtländischen Bank erhielt.13 31 Buchhandlungen, zum Teil mit Lesezirkeln im Bunde, versuchten ebenfalls dem rasant wachsenden Informationsbedürfnis entgegen zu kommen.14, 15

Zu Ende des 19. Jahrhunderts war das allgemein vorherrschende politische Klima in Deutschland für die Gründung von Bibliotheken ungleich günstiger als noch zu Beginn. In vielen Städten war die Industrialisierung in ähnlicher Weise vorangeschritten wie in Plauen. Etliche Bevölkerungsgruppen forderten aus den verschiedensten Gründen Zugang zu einer Bildung für alle. Auch der Staat bekannte sich zur Förderung der Volksbildung. Als Vorreiter stellte das Land Sachsen seit 1876 jährlich 15.000 Mark für Volksbibliotheken bereit. Obwohl die Summe sprichwörtlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein war, setzte sie dennoch positive Signale. Die Gründung von Volksbibliotheken erfolgte jedoch nur zögernd. In den Jahren 1899/1900 belegt die Reichsstatistik lediglich 179 „der allgemeinen Volksbildung dienende öffentliche Bibliotheken“. Insgesamt gaben nur 14 Großstädte Geld für Volksbibliotheken aus.16

In der Spitzenstadt gab eine Schenkung den Anlass für die Schaffung einer städtischen Bibliothek. Der Verwaltungsbericht von 1899/1900 gewährt einen detaillierten Einblick in die Zeit der Gründung:

„Oberbürgermeister Dr. Dittrich machte in der öffentlichen Sitzung des Stadtgemeinderats vom 8. Dezember 1898 die Mitteilung, daß Frau verwitwete Rechtsanwalt Steinberger17 die wertvolle und umfangreiche Bibliothek ihres verstorbenen Gemahls der Stadt Plauen geschenkt habe.

Rechtsanwalt Dr. Carl Steinberger
1896, zehn Jahre nach seinem Tod, schenkte die Witwe seine reichhaltige Sammlung der Stadt und gab damit den Anstoß zur Gründung der Plauener Stadtbibliothek.

Er gab seiner Freude über diese Schenkung Ausdruck, weil damit der Plan, für Plauen eine Stadtbibliothek zu schaffen, näher gerückt sei. Auf Antrag des Stadtverordneten Dr. Moeller stellte der Stadtgemeinderat 1500 Mark als Grundstock für die zu errichtende Stadtbibliothek in den Haushaltsplan ein, und der Rat beschloß am 23. Dezember 1898, einen gemischten städtischen Ausschuß für die Stadtbibliothek einzusetzen. Diesem gehörten für 1899 an:

Oberbürgermeister Dr. Dittrich (bis Ende September), dann Dr. Schroeder und Stadtrat Metzner als Ratsmitglieder, Rektor Prof. Dr. Angermann und Buchdruckereibesitzer A. Neupert sen. als Stadtverordnete, Schuldirektor Dr. Gäbler und Kaufmann Lötzsch als Bürger und Realschuloberlehrer Streit als Bibliothekar [...].

Der Stadtbibliothek sind vom Rat in dem der Stadtgemeinde gehörigen Hause Dobenaustraße 5 drei große helle Räume des Seitengebäudes zugewiesen; der vorderste zweifenstrige Raum dient als Geschäftszimmer, während in einem zweiten zweifenstrigen Zimmer und in einem vierfenstrigen Saale die Bücher aufgestellt sind.

Dobenaustraße 5

Eiserne Patentbüchergestelle der Firma A. L. Burgmann, Bremen, sollen allmählich beschafft werden; die 2 bereits aufgestellten haben sich bewährt. Die Steinbergersche Büchersammlung fand eine große Bereicherung durch Geschenke und Ankäufe, durch Übergaben aus der Ratsbibliothek und der Büchersammlung der höheren Bürgerschule, vor allem aber durch Übernahme der wertvollen Bibliotheken des Altertumsvereins zu Plauen und der Abteilung Plauen i.V. der Deutschen Kolonialgesellschaft.“18

Ausschnitt aus einem
Werkblatt für ein
Patentbüchergestell,
wie es in den
Magazinen z.T.
noch heute in Gebrauch
ist.

Ende 1900 besaß die Stadtbibliothek 2975 Werke in 6690 Bänden. Außerdem eine große Anzahl Akten, Aufrufe, Mandate, Petitionen, Zeichnungen, Karten, Pläne, Stiche, Flugblätter, Gelegenheitsschriften und -lieder, Programme, Musiktexte, Theaterzettel, Familien- und Geschäftsanzeigen, welche geordnet und in Mappen aufbewahrt waren. Am 6. Oktober 1900 wurde die Stadtbibliothek der öffentlichen Benutzung übergeben.

Aus dem von dem ersten Plauener Bibliothekar Felix Streit verfassten Vorwort des 1899 herausgegebenen ersten Bücherverzeichnisses der neugegründeten Bibliothek geht deutlich hervor, dass man sich in Plauen der Notwendigkeit einer Bibliothek bewusst gewesen ist. Die von Felix Streit gefundenen Worte haben an Aktualität auch heute nicht verloren:

„Die Einführung des allgemeinen Schulzwangs und die gesamte Aenderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse hat das Lese- und Bildungsbedürfnis aller Stände mächtig angeregt. Nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts und andrer politischer Rechte und Pflichten treten an jeden Staatsbürger, er mag einem Stande angehören, welchem er wolle, Anforderungen heran, die ihn darauf hinweisen, dass die in der Schule erworbenen Kenntnisse nicht für das ganze Leben ausreichen; sie bilden vielmehr nur den Grund, auf dem jeder selbst im Leben weiterbauen muß, um in der staatsbürgerlichen Gemeinschaft seinen Mann stellen zu können. Und da scheint’s mir die Aufgabe einer Stadtbibliothek zu sein, jedem die geeigneten Mittel zur selbstständigen Weiterbildung zu bieten, nicht nur dem Gelehrtenstande allein zur Förderung seiner Studien zu dienen.“19

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1 Vgl. Fröhlich 1963, S. 71ff.
2 Vgl. Weiß 1991, S. 3
3 Vgl. Flämig 1996, S. 16ff.
4 Vgl. Verwaltungsbericht 1898, S. 83
5 Vgl. Statistik des Deutschen Reichs 1907, S. 38
6 Vgl. Vogtländischer Anzeiger, 30. Mai 1840
7 Vgl. Verwaltungsbericht 1899/1900, S. 215
8 Vgl. Thauer 1990, S.16
9 Vgl. Boese 1984, S. 128
10 Vgl. Verwaltungsbericht 1899/1900, S. 149, S. 184
11 Vgl. Rosenberg 1995, S. 15f.
12 Vgl. Ebd., S. 37ff.
13 Vgl. Verwaltungsbericht 1899/1900, S. 217
14 Vgl. Adreßbuch 1898
15 Vgl. Neuperts Buchhandlung 1990
16 Vgl. Thauer 1990, S. 50ff.

17 Vgl. Rechtsanwalt und Notar Karl August Steinberger, geb.   1823, gest. 29. Juli 1888 in Plauen
18
Thauer 1990, S. 216
19 Erstes Bücherverzeichnis der Stadt-Bibliothek zu Plauen i. V. 1899, S. 3f.

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